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Wo bleiben die anderen 50 %?

Wen verwundert das gestrige Wahlresultat? Sind wir ehrlich: Niemand. Wo holte die SVP Stimmen und an wen verloren die SP? Es fanden jeweils Umwälzungen in den ideologischen Blöcken statt. Statt ideenarme FDP entschieden sich manche für die radikalere Variante. Und wem rot zu wenig bot, der wechselte zu grün. Was aber wirklich ERSTAUNT: Wieso deckte bisher keine einzige politische Gegenkraft die Widersprüchlichkeiten und nichtgreifenden Rezepte der SVP auf? Die SVP hat die Deutungshoheit in den zentralen Themen erlangt, unbestritten (die anderen haben verpennt oder jahrelang diskret dazu geschwiegen): Ausländer und Jugendkriminalität. Sie deckt auf, aber was bietet sie für Lösungen und Massnahmen? Ganz einfach: Ausländer aussschaffen. Die SVP möchte zu Tell und Heidimythen zurückkehren und Gebirgsluft im Alpenpanorama schnuppen: Marketingtechnisch ein geschicktes Mittel und eigentlich ist gegen das Vorhaben nichts einzuwenden. Aber was macht sie dafür? Nichts nichts nichts!
Keine Massnahmen gegen Klimawandel, keine Integrationsmassnahmen, keine Mittel zur Sanierung der Sozialwerke (ausser Abbau)….Man denkt, die SVP ist die Partei „die wenigstens was macht“, aber weit gefehlt.
Niemand holte zum Gegenschlag aus trotz tiefem Wahlkampfniveau, niemand deckte Misstände des Parteiangebots auf. Ich hoffe, dass das verschlafene linke Lager aufwacht und frecher wird. Der Aktionismus der jungen Grünen machts bereits vor. Eine vielversprechende Bewegung…

Und jetzt zum anderen grundlegenden Problem: Wo waren trotz Gehässigkeiten, Polithickhack, Entgleisungen jeglicher Art und viel Lärm die anderen 50 % Wähler? Worauf gründet Politverdrossenheit und das Desinteresse für das Geschehen in Bern? Wenn man durch Entzug der Wählerstimme gegen das System rebelliert, spielt man den SVP in die Arme, da deren Stammelektorat vermutlich den mobilisiertesten Wählertypus bildet. Es gilt für die nächste Legislatur die Jungwähler, die Unentschlossenen, die Politmuffel und Sonntagsspätaufsteher abzuholen und sie zur Urne zu bewegen. Nichts Neues eigentlich, aber angesichts des gestrigen Resultats wirklich ein alarmierendes Signal. Ich schätze, das Wählerpotenzial der SVP bald ausgeschöpft ist. Noch mehr Millionen in die Wahlkampfmaschine buttern, bringt höchstens ein paar Prozentpunkte mehr. Dem Rest, für den die SVP jenseits von gut und böse ist, der aber zu wenig von Politik versteht, muss man Alternativen bieten und die Bedeutung von
Wahlen und Abstimmungen erklären. Keine komplexen Sachverhalte und abstrakte Symbole, mit denen die Linken bislang operierte und damit genau nur die Intellektuellen (minderheit) angesprochen hat. Sondern klare Aussagen, einfache Bildsprache und griffige Formeln, damit Politik endlich plastischer wird. Die SVP investierte Millionen um durch so einen simplen Auftritt eine solch hohe Medienaufmerksamkeit zu erlangen. Die jungen Grünen betreiben mit einfachem Budget dasselbe ausgeklügelte Politmarketing und erzielen denselben (Medien- )Effekt. So geht’s also auch…

Dieser Artikel wurde von Adrienne am Montag, 22. Oktober 2007 in der Rubrik Allgemein und zu den Stichwörtern , , , , , veröffentlicht. Sie Können mit diesem Link RSS 2.0 die Kommentare mittels Feed beobachten. Sie können einen Kommentar anfügen, oder einen Trackback von Ihrer Seite senden.

8 Kommentare zum Artikel “Wo bleiben die anderen 50 %?”

  1. superstar am 22. Oktober 2007 um 14:30

    svp überzeugt mit bilder, egal ob sie jetzt anstössig, rassistisch oder polemisch sind. sie schaffen es ein bild zu erzeugen, den die leute verstehen. sie schaffen mit grundlegenden und klar definierten emotionen. angst, freiheit, gier und verlangen nach sicherheit, das sind grundlegende emotionale zustände, die jegliche vernunft aus dem weg räumen.
    mit argumenten kann man diese emotionale kampagne gar nicht entkräften, da schaltet sich der hirn auf das was stärker wirkt. emotionen sind immer stärker als logische schlüsse. beweise dafür findet man im leben (eiffersucht ist sowas, was die rationalität ausschaltet), oder wer es gerne wissenschaftlich hat, soll sich mal mit dem thema neurologie oder auch neurolinguistik beschäftigen.

    ein mensch kann noch so gebildet sein, wen er mit emotionen konfrontiert wird, wie z.b. seine existenzsicherung oder sicherheit, da schliesst er sich dem stärkeren an, der ihm “vermeintlich” sicherheit bieten kann. natürlich kann svp keine sicherheit anbieten, aber sie verkaufen diese thematik so als würden sie es können. negative schlagzeilen haben grundsätzlich immer mehr kraft als positive (weil negatives unseren instinkt viel stärker anspricht).

    die arbeitslosigkeit geht zurück, den schweizern gehts es, global betrachtet, hervorragend. die schweizer wollen ihren besitz und ihr wohlergehen einfach beschützen. eine sehr vorhersehbare handlung, die überall auf der welt genau nach dieser schemata funktioniert.
    wozu sollte man die SP wählen? was bietet die sp dem “reichen” schweizer? wozu sollte man eigentlich wählen gehen wenn man seine 5000 fränkli im monat hat?
    hier ist das problem. die inhalte der SP waren einfach nicht emotional genung. dazu haben sie den fehler begangen, die inhalte der svp mit argumenten entkräften zu wollen, was natürlich für die svp nur gut war. ein gelunger schachzug der svp. schachmatt.

    die linken parteien müssen lernen diese emotionale bildsprache einzusetzen.

    tipp: wenn svp verlangt, dass wegen einem delikt, die ganze ausländische famile ausgeschaft werden soll, dann muss die sp das den leuten genau so emotional erklären. refraiming ist die lösung (bitte lest bücher darüber, das ist pflichtlektüre für politiker).

    eine emotionale entkräftende kampagne wäre gewesen: “schweizer jugendlicher ermordet ausländer. die ganze familie sitzt im knast”

    ein solches inserat zwingt die menschen sich damit zu beschäftigen. da spielt es keine rolle ob das obengenannte beispiel der realität entspricht. wenn jemand die problematik aus eigener sicht betrachtet, dann bemerkt er auch wie unsinnig das thema der svp ist.

    das gleiche gilt für die “blocher aus dem bundesrat” kampagne. natürlich wussten die informierten schweizer, dass das blödsinn war, aber die informierten und intellektuellen sind wie oben beschrieben momentan in der minderheit.

    man hätte dies mit einer gegenkampagne entkräften sollen. svp will die SP aus dem bundesrat. “SP wählen, leuenberger stärken”.

    emotional, mit klaren bildern. sowas versteht auch ein kind. menschen denken in bildern. jedem gedanke ist ein bild vorausgeilt oder ein bild folgt unmittelbar danach. ganz einfach. wissenschaftlich erwiesen und zigtausend mal dokumentiert.

    ein toter mensch mit einer blutlache sagt mehr als das polizei protokoll des tatvorgangs.

    natürlich entspricht diese vorgehensweise nicht dem intellekt der SP wähler, aber es ist wichtig, dass sp auch andere bevölkerungsguppen erreicht. die kampagne ist nur ein mittel zum zweck.

    die grünen sind da schon sehr viel weiter. ich hoffe sie arbeiten weiterhin so stark. die schweiz braucht unbedingt einen starken gegenpol zur svp.

    freundliche grüsse
    k.
    (ausländer)

  2. wasser am 24. Oktober 2007 um 14:52

    Denke auch, dass das grosse Thema die Emotionen sind. Und die sind halt oft nicht aufgeklärt und politisch korrekt, sondern ziemlich “primitiv”. Wer kennt nicht das Gefühl jemanden umbringen zu können. Da kann man noch lange wegschauen und sagen das gehört sich nicht. Der Mensch ist nun mal auch ein Affe mit der Fähigkeit extrem Schlechtes und Gutes zu fühlen und zu tun. Ich bin der Meinung, der Mensch zieht das Gute dem Schlechten grundsätzlich vor und zusätzlich ist er nicht seinen Emotionen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, so wie es der Affe ist. Sondern er kann mit seinen Emotionen etwas anfangen. Zudem stecken unter “gefährlichen” Emotionen, oftmals andere Gefühle, die nicht mehr gefährlich sind. So besteht das Fundament von Hass und Wut oftmals aus Angst und Hilfslosigkeit, die aber schwieriger zu ertragen sind als die Wut und der Hass und deshalb unterdrückt werden. Eine politische Partei sollte für mich eine Bürgerpartei sein, deren Ziel handlungsfähige, kompetente und mit starken Rechten ausgestattete Bürger sind. Denn nur aus der Stärke heraus kann ich etwas bewirken. Dass kann man auch medizinisch messen, dass Menschen die sich was zutrauen ein strakes Immunsystem haben, während Menschen die sich als hilflos erleben ein schwaches Immunsystem haben.

  3. Jaswicis am 26. Oktober 2007 um 11:08

    @ Superstar

    Wirklich Schön geschrieben.

    Ich habe letzthin gemerkt dass kaum Einer eine Ahnung hat, das die ganze Familie ausgeschafft werden soll. “Wie , in echt jetzt? Die ganze Familie??”

    Die SVP hat es mal wieder sauber hingekriegt; alle reden drüber, nur kaum einer weiss was das Wirkliche Thema ist.

    Gruss

  4. Rico am 26. Oktober 2007 um 22:19

    Jaswicis oder so: [i]Ich habe letzthin gemerkt dass kaum Einer eine Ahnung hat, das die ganze Familie ausgeschafft werden soll. “Wie , in echt jetzt? Die ganze Familie??”” [/i]

    Dann könntest Du bitte mal den entsprechenden Artikel mit der Sippenhaft und der ganzen Familie aus der Initiative zitieren, bitte.

    Er kann ja nicht lang sein. Also bring doch mal schnell den Satz. Einfach auf dass alle auf dem Laufenden sind. Dke.

  5. Jaswicis am 29. Oktober 2007 um 10:13

    Bereits verschiedentlich hat die SVP gefordert, dass gewalttätige und kriminelle Jugendliche
    mit ihren Eltern des Landes zu verweisen sind18. Die Volksinitiative für die Ausschaffung
    krimineller Ausländer schränkt denn auch den Kreis der Betroffenen nicht ein und wendet
    sich an alle Ausländerinnen und Ausländer – unabhängig von deren Alter.

    __________
    Und wenn ein Vater des Landes verwiesen wird dürfen natürlich Frau und Kinder bleiben und Sozialhilfe bezihen ;)

  6. Sian am 29. Oktober 2007 um 15:50

    @Rico: Im Initiativtext steht das zwar nicht. Im Argumentarium der SVP aber schon, und dort wird schliesslich erklärt, wie die geänderten Gesetze zur Anwendung kommen könnten.

    Zitat:
    [i]2.1.3. Ausweisung straffälliger Minderjähriger
    [b]Bereits verschiedentlich hat die SVP gefordert, dass gewalttätige und kriminelle Jugendliche
    mit ihren Eltern des Landes zu verweisen sind18[/b]. Die Volksinitiative für die Ausschaffung
    krimineller Ausländer schränkt denn auch den Kreis der Betroffenen nicht ein und wendet
    sich an alle Ausländerinnen und Ausländer – unabhängig von deren Alter.
    Der Anstieg der Jugendgewalt und Jugendkriminalität zeigt, dass auch griffige Massnahmen
    für Täter, die weniger als 18 Jahre alt sind, zur Verfügung stehen müssen. Gewalt
    an Schulen und Kriminalität unter Jugendlichen dürfen nicht geduldet werden. Um
    Sicherheit und Ordnung gewährleisten zu können, muss es möglich sein, unbelehrbare jugendliche
    Übeltäter bzw. solche, welche sich besonders schwere Delikte haben zuschulden
    kommen lassen, des Landes zu verweisen – [b]allenfalls auch zusammen mit ihren Eltern, welche
    letztlich die Verantwortung für ihre Kinder tragen müssen[/b].[/i]

    Ob es nun im Initiativtext steht oder nicht, die SVP will Eltern mitverantwortlich machen – und zwar in einem viel zu hohen Mass! Eine Busse, vielleicht, denn die könnte auch bei Schweizer Eltern angewandt werden. Aber solange es keine vergleichbare Srafe für Schweizer Eltern gibt, ist der Wunsch der SVP diskriminierend.

  7. Rico am 29. Oktober 2007 um 22:56

    Sian: “@Rico: Im Initiativtext steht das zwar nicht. Im Argumentarium der SVP aber schon, ..”

    Eben. Wir würden aber bei Zustandekommen der Initiative über den Initiativtext abstimmen und nicht über das Argumentarium. Punkt.

  8. Sian am 30. Oktober 2007 um 10:58

    Ja, wir stimmen über den Text ab. Mein Argument ist aber, dass der Text so, wie er ist, diskriminiert. Eben weil die Auslegung der SVP möglich ist.
    Ich darf schliesslich gegen die Initiative argumentieren.

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