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Offener Brief von Ignoranz.ch an die Weltwoche Redaktion

Guten Tag Herr Heusser
Sehr geehrte Redaktion

Ich weiss, in den vergangenen Tagen ist viel geschrieben worden um die “Muslim-Anzeigen” des überparteilichen Komitees gegen Masseneinbürgerungen. Ich möchte einfach zwei, drei Dinge dazu sagen:

Stellen Sie sich bitte das Inserat, Sie wissen ja, wie es ausschaut, vor mit der Überschrift “Juden bald in der Mehrheit” anstelle von “Muslime”.

Können Sie sich vorstellen, welche Reaktionen dies zur Folge hätte. Sie müssten sich als Magazin verantworten und bekämen ganz sicher die Worte “antisemitisch”, “hetzerisch”, “rassistisch” usw. zu hören und müssten mit Sicherheit mit rechtlichen Schritten seitens jüdischer der Glaubensgemeinschaft rechnen. Ich frage Sie nun: Wo ist der Unterschied? Genau! Nirgendwo. In dieser Anzeige wird ganz eindeutig und ohne Umwege eine einzelne Religionszugehörigkeit diskriminiert bzw. ausgegrenzt. Sie werden selber feststellen, dass Adolf Hitler nichts anderes gemacht hat, als seinen ganzen Hass auf eine Glaubensrichtung zu konzentrieren.

Ich bin wirklich nicht der Typ Links-Extrem und auch kein Leserbriefschreiber. Aber dieses Inserat löst bei mir nacktes Entsetzen aus! Es ist hetzerisch, rassistisch und menschenverachtend, das kann unter keinen Umständen gutgeredet bzw. gerechtfertigt werden.

Ich möchte noch kurz auf diese Hochrechnungen bzw. dieses Diagramm zu sprechen kommen, die auf dem Inserat dargestellt sind. Ich frage mich wirklich, ob Ihr Chefredaktor genau gelesen, bzw. gesehen hat, was hier tatsächlich dargestellt wird. Im “Artikel” auf dem Inserat wird von einer Verdoppelung der Anzahl Muslime in der Schweiz gesprochen. Wir sprechen hier von der Verdoppelung zwischen 1990 und 2000 von 2.2 auf 4.5%. Soweit so gut. Wenn wir jetzt den weltpolitischen Film zwischen 1990 und 2000 vor unserem geistigen Auge abspielen, ist diese Entwicklung alles andere als erstaunlich. Und vor allem, überhaupt nicht tragisch! Was jetzt mit diesen Zahlen angestellt wird, wirft mich fast aus den Socken. Aus diesen zwei Zahlen werden “Hochrechnungen angestellt”. Die packen doch einfach die 4.5% und rechnen das auf, alle 10 Jahre x 2, so sind wir im Jahr 2040 bei 72% Muslime angelangt. Weiss auf rotem Grund steht “Prozentualer Anteil der Muslime an der Schweizer Gesamtbevölkerung”. Eine Absurdität und brandgefährlich!!! Der durchschnittliche Leser ist schlicht und einfach nicht in der Lage dieses Diagramm richtig zu interpretieren, resp. merkt nicht, dass dies weniger verlässlich ist als ein Blick in die Glaskugel!!!

Ich weiss, es ist schwierig gegen solche Inserate rechtlich vorzugehen, da die richtige Verwendung von Fragezeichen usw. alles rechtmässig erscheinen lässt. Es bleibt die ethische Grundsatzfrage. Kann diese Tonalität verantwortet werden? Die Botschaft zwischen den Zeilen ist ja eindeutig.

Und dann wird doch tatsächlich in der neuen Weltwoche Nr. 38 auf den Seiten 9 und 11 auf das Inserat redaktionell eingegangen. Und somit verwischt die viel beschworene Grenze zwischen Anzeigenteil und redaktionellem Inhalt. Der Artikel ist schlicht und einfach braun! Ich verstehe es einfach nicht:

- Das Inserat teilt ganz klar mit, dass eine Religionsgruppe, zu deutsch, uns überfallen möchte !!ACHTUNG GEFAHR!!
- Das Inserat macht eine an den Haaren herbeigezogene Hochrechnung, die so unhaltbar, wie auch hetzerisch ist. Indiskutabel!
- Das Inserat zitiert völlig aus dem Zusammenhang gerissen Personen und bringt die Zitate in einen neuen Kontext, der dem Urheber nie zugestimmt hat!
- Diese Anzeige ist nicht Meinungsbildend, sondern diskriminierend.

Juristisch ist das Inserat vielleicht nicht angreifbar. Aber, und, ich bitte Sie auf diesen Punkt in einer Antwort einzugehen: Wo bleibt da die Ethik, Menschenachtung und vorallem die Intelligenz der Redaktion? Für einen durchschnittlich intelligenten Menschen ist es absolut eindeutig, wie dieses Inserat auf breite Bevölkerungsschichten wirkt! Für mich gilt genau in diesen Fällen nicht “juristische Korrektheit” sondern da geht es um die Wertehaltung einer Publikation / Redaktion. Ich habe die Weltwoche nie rechts-aussen positioniert und die Polarisierungen ihres Magazins seh’ ich als Bereicherung, auch wenn ich nicht immer einverstanden bin. Nur, hier wurde eine ganz gefährliche Grenze überschritten. Wie um alles in der Welt kann eine Redaktion hinter einem solchen Inserat stehen und dazu noch so unglaublich kommentieren!! Ich bin masslos enttäuscht.

Für mich ist ganz klar, dass hier der Chefredaktor oder schon der Anzeigeleiter die Notbremse hätte ziehen müssen, denn keine Redaktion kann gezwunden werden ein Inserat anzunehmen und kann jede Annonce ohne Begründung ablehnen! Ich bin brüskiert und hätte mehr Achtung vor dem Menschen erwartet. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir, trotz dem Rummel in den Medien aufgrund dieser Kampagne, eine persönliche Antwort zu den oben genannten Punkten zukommen lassen könnten.

Ich weiss, die Zeiten sind hart in der Printmedienlandschaft, Anzeigen sind fast schon Mangelware und trotzdem, so Geld zu verdienen ist für ein Magazin mit Ihrem journalistischen Niveau ein tiefer Schnitt ins eigene Fleisch. Ich bin frustriert, dass so etwas geschehen kann und dass immer nur hinter vorgehaltener Hand beschwichtigt wird.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass dies meine persönliche Meinung ist und nichts mit meinem Arbeitgeber zu tun hat.

Freundliche Grüsse
Philipp Semmler

Dieser Artikel wurde von pipo am Donnerstag, 23. September 2004 in der Rubrik Interna und zu den Stichwörtern veröffentlicht. Sie Können mit diesem Link RSS 2.0 die Kommentare mittels Feed beobachten. Sie können einen Kommentar anfügen, oder einen Trackback von Ihrer Seite senden.

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