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Von den etablierten Medien zur Twitterisierung

 
felixkohl
Mitglied
#1 ° Gesendet: 27.07.2010 17:01
Welche Informationen von grosser Wichtigkeit sind, hängt vom interessierten Individuum und dessen Lebensumständen ab. Darüber hinaus bestätigt sich die absolute Wichtigkeit für das Individuum und für die Gemeinschaft aus der nachträglichen (historischen) Betrachtung. Das wiederum macht es schwer eine Information in der Gegenwart mit Fokus auf die Zukunft zu bewerten.

Trotzdem. Es gibt Experten. Es sind Journalisten mit breiterem Blickwinkel und es sind Heerscharen von Fachleuten, welche die Informationen auf ihre fachliche Güte überprüfen können.

Um noch ein weiteres Kriterium anzufügen, werden wir darin übereinstimmen, dass Informationen die für die Gemeinschaft von Wichtigkeit (Relevanz) sind i.d.R. bevorzugt werden, gegenüber solchen, die nur für ein einzelnes Individuum wichtig sind.

Um das ganze etwas herunterzubrechen, meine ich, muss die Güte einer Information an mindestens zwei Kriterien gemessen werden:
Die Relevanz und die Signifikanz (im Sinne von Zuverlässigkeit)

Wir haben schon in verschiedenen Freds darüber diskutiert, wo das Malaise der Printmedien zu suchen ist.
Vergessen aber allzu gerne, dass ein Grossteil der jungen Bevölkerung seine Informationen aus dem Net bezieht und darüber hinaus die offiziellen Medienkanäle - sobald etwas "trendy" ist - diese Informationen ebenfalls abschöpfen und weiter kolportieren.

Das Interet brachte also die Demokratisierung der Information?
Das würden (immer noch) die WWW-Optimisten behaupten.
Mitnichten, würden die WWW-Skeptiker entgegenhalten.

Die Wahrheit liegt wohl dazwischen.

Facebook und Twitter und wie die schnellen Onlinedienste noch heissen, überfluten die Netzwerke mit Informationen, die erstens niemand mehr überschauen kann und zweitens die Herkunft und Überprüfbarkeit von Informationen unmöglich macht.
Ist das Demokratie?
Oder ist es eher Herdenverhalten?
Beliebige Informationen werden nach dem Zufallsprinzip amplifiziert, da immer wieder aufgegriffen, und wenn sie die notwendige, kritische Grösse (genügend oft zitiert bzw. weiter zitiert) erreichen, zu "absoluten" Wahrheiten.
Der kritische Geist und die kritische Argumentation, der dialogische Prozess etc. können oder könnten in heiklen Angelegenheiten gar nicht mehr möglich werden.

Und wie wir alle wissen, können solche "Trends" auch künstlich erzeugt werden (z.B. aus politischen, wirtschaftlichen Interesse).

Aber schon seit langem wird die Information im Net von den Laien kaum noch auf Relevanz und Signifikanz überprüft.

Demokratisierung.

Man stelle sich vor, jeder ist ein bisschen Automechaniker und wurstelt selber am Motor rum, jeder ist ein bisschen Arzt oder Pharmakologe und berät andere, jeder ist ein bisschen Lehrer und weiss, was die Kids brauchen, jeder ist ein bisschen Finanz- oder Rechtsberater, ...und und und...

Das sehr aktuelle Thema wird in einem überaus guten Artikel in der Süddeutschen aus verschiedenen Perspektiven erörtert. Absolut lesenswert:

http://www.sueddeutsche.de/digital/digitale-gesellschaft-wie-das-netz- die-fremdheit-verstaerkt-1.978453
Battou
Mitglied
#2 ° Gesendet: 25.08.2010 20:10
felixkohl:
Aber schon seit langem wird die Information im Net von den Laien kaum noch auf Relevanz und Signifikanz überprüft.

Ich persönlich glaube, dass man das Netz auch ganz einfach falsch bedienen kann. Wer Twitter als Newsportal braucht, ist selber schuld, wenn er laufend auf irgendwelche Hypes und Enten hereinfällt (und dann auch noch zu faul ist, diese zu prüfen).
Zudem frage ich mich, welchen Informationsgehalt man mit den 160(?) Zeichen einer Twitternachricht weiterverbreiten will. Ist es nicht viel eher so, dass in solchen Tweets auf etablierte Onlinemedien verlinkt wird?

felixkohl:
Man stelle sich vor, jeder ist ein bisschen Automechaniker und wurstelt selber am Motor rum, jeder ist ein bisschen Arzt oder Pharmakologe und berät andere, jeder ist ein bisschen Lehrer und weiss, was die Kids brauchen, jeder ist ein bisschen Finanz- oder Rechtsberater, ...und und und...

Also erst einmal ist nicht jeder ein Blogger/aktiver Newsverbreiter bei Twitter.
Zweitens ist jeder selber schuld, der sich von einem Hobby-Arzt beraten lässt.

Ich selber informier mich ja auch nicht auf dem Blog eines 15 Jährigen zu Hochfinanzthemen oder durchsuche meine Facebookstartseite nach den neusten News.
Dazu gibt es Blogs (die, oh Schreck, Quellen angeben), Internetportale der Zeitungen (zu deren Seriösität muss ich wohl nichts sagen... oder vielleicht doch: www.bildblog.de) und andere Projekte.

Mit dem Firefox Addon "feedly" stelle ich mir zum Beispiel mein eigenes Magazin/Zeitung zusammen, aus den Feeds denen ich selber vertraue (was ich immer noch höher werte, als die tausenden BILD und Weltwoche LeserInnen).

Auch bietet das Internet viele Informationen, an die ich ohne nie kommen würde. In der Schweiz gibt es zum Beispiel kein einziges ernstzunehmendes Bike-Magazin (nein, auch Freeride ist Quark!). Im Internet schon. Und wo sonst sollte ich mich heute über Netzpolitik (welche von Politiker konsequent ignoriert bzw. katastrophal praktiziert wird) informieren, wenn nicht über www.netzpolitik.org?


Oder habe ich dich völlig falsch verstanden? :)
Loser
Mitglied
#3 ° Gesendet: 25.08.2010 20:13
Battou:
Ich persönlich glaube, dass man das Netz auch ganz einfach falsch bedienen kann.

Eben
Zocker
Mitglied
#4 ° Gesendet: 27.08.2010 11:18
Wozu braucht der Leser die Information?

Der eine befriedigt seine Neugirde, der andere sucht Informationen um seine Entscheidungen, die er trifft oder beeinflusst, zu verbessern.

Wer Informationen nur zur Unterhaltung konsumiert, dem kann es egal sein, welchen Wahrheitsgehalt diese haben. Will jemand jedoch aus den Informationen Konsequenzen ableiten, die sein Handeln betreffen, dann wäre Realität/Wahrheit gefragt.

Nun sind sich viele Leute gar nicht bewusst, wie sie die Information verwenden und es ist locker möglich, dass etwas das aus Neugirde konsumiert wurde, später ungeprüft das Handeln beeinflusst. Die Qualität der Informationsverarbeitung des einzelnen ist heute so schlecht, dass eine Verbesserung der Information keinen Fortschritt bringt.
felixkohl
Mitglied
#5 ° Gesendet: 01.09.2010 14:09
@Battou

Um es klar zu stellen. Ich möchte das Netz auf keinen Fall verurteilen.
Es bietet wirklich gute Möglichkeiten sich die Infos gezielter zu suchen und zu einem akzeptablen Preis, wie z.B. in Deinem Beispiele miit den Feeds (stellt sich allerdings das Problem der Finanzierung guter journalistischer Leistung, die wir anderswo auch schon thematisiert haben).

Wenn Du auch kritisch mit dem Medium umzugehen weisst, musst Du dran denken, dass das viele gar nicht können bzw. das (noch?) nie gelernt haben.

Mein Fokus liegt in der Gefahr der ungerechtfertigten Potenzierung bestimmter Themen oder Anlässe. Sogar etablierte Printmedien und andere Profis können der Gefahr nicht widerstehen auf einen "Hype" aufzusitzen.
Meistens hat das auch keine grossen Konsequenzen, schliesst aber nicht aus, dass der Druck vom Web (analog dem Druck von der Strasse) schwerwiegende staatspolitische Konsequenzen hat.

@Zocker

Es geht mir nicht (nur) um das Handeln des einzelnen Individuums sondern die "Wellenbewegungen". Siehe oben
Loser
Mitglied
#6 ° Gesendet: 01.09.2010 14:39
Nach der Minarettinitiative konnte man auf Facebook allerlei Schund lesen (Kommentare), der nicht einmal belegt wurde (Links usw). Der Vorteil ist aber, dass man eben jene Links sofort einem grossen Kreis unter die Nase reiben kann, so nach dem Motto "lies das mal". Das hat auch Vorteile, so wurde letztens innerhalb kürzester Zeit ein Tierquäler gefunden, der einen kleinen Hund von eine Autobahnbrücke geworfen hatte. Dazu wurden 10000 von Unterschriften gesammelt, die eine harte Bestrafung forderten. Es hat seine Vor und Nachteile, das Web. Persönlich kenne ich eben nur die Vorteile...
felixkohl
Mitglied
#7 ° Gesendet: 04.09.2010 19:29 ° Bearbeitet von: felixkohl
@Loser

Aber das Beispiel, das Du nennst, zeigt doch gerade, dass ein Einzelfall - durch die wiederholende Potenzierung - als ein Regelfall empfunden wird und der/die Leser dem Thema zu viel Gewicht schenken.
Es könnte ja sein (ich bin kein Experte), dass dieser hässliche Fall weit unter der Promillemarke liegt.

Umgekehrt werden komplexe Themen, die sowieso Vertiefung brauchen, völlig ignoriert, da nun mal ein die Tragödie eines Hundes leichter zu vermitteln ist als beispielsweise die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile oder die Wahrung der sozialen Sicherheit im Lande.....

Anstelle der Diskussion tritt der Mob!
Emotionalisierung verhindert differenzierte Betrachtung.
Man denke an die eben zurückgezogene Unterschriftensammlung zur Wiedereinführung der Todesstrafe.
Loser
Mitglied
#8 ° Gesendet: 04.09.2010 20:16
felixkohl:
der/die Leser dem Thema zu viel Gewicht schenken.

Zum Glück

felixkohl:
Umgekehrt werden komplexe Themen, die sowieso Vertiefung brauchen, völlig ignoriert, da nun mal ein die Tragödie eines Hundes leichter zu vermitteln ist als beispielsweise die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile oder die Wahrung der sozialen Sicherheit im Lande.....

Brings mal in Dolby Stereo...nein, Spass aufs Velo, genau so ist es eben nicht. Ein Video von einem kleinen Hund macht betroffen ist fassbarer als Dein Beispiel. Trotzdem sind es gerade auch komplexere Themen, die die Menschen bewegt, nur sind sie halt nicht so einfach aufzuzeigen.
felixkohl
Mitglied
#9 ° Gesendet: 06.09.2010 18:11
@Loser

Richtig.
Sollen wir oder werden sich immer mehr Leute von den komplexen Themen abwenden?
 
 

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