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Agnostiker/innen und Atheisten, Atheistinnen in der Schweiz

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Pia
Mitglied
#101 ° Gesendet: 30.11.2009 21:44
Thomas:
weil man dem Volk (was für ein grandioses Wort! Ich verneige mich vor Ehrfurcht!)

:)
Ockham
Mitglied
#102 ° Gesendet: 01.12.2009 12:18 ° Bearbeitet von: Ockham
leonforte:
... die keule der dummheit wird ein weiteres mal von den dummen laut schreiend geschwungen
...
ein paar beispiele für eine gewisse dummheit auf der linken seite:

- es ist dumm zu glauben, ...
- es ist dumm, ...
- es ist auch dumm, ...
- und ebenso dumm ist es, ...
- noch dümmer ist es, ...
- dumm ist es, ...
- es ist auch ziemlich dumm, ...
- und am dümmsten ist es zu glauben, ...

q.e.d.
rlarsson
Mitglied
#103 ° Gesendet: 04.12.2009 07:11 ° Bearbeitet von: rlarsson
Aber Pia ;-)
Begrenzungsfaktor
Mitglied
#104 ° Gesendet: 26.01.2010 20:32 ° Bearbeitet von: Begrenzungsfaktor
Als Freidenker halte ich es mit der Religion wie Gerd Eisenbeiß

17 Thesen über Religion

Von Gerd Eisenbeiß Bonn, den 9. August 2006

Keine Evidenz für Existenz: Meine Einstellung zu Religionen ist von der tiefen Überzeugung bestimmt, dass es einen Gott oder Götter, die in das Weltgeschehen eingreifen, nicht gibt – ja, dass es keinerlei Evidenz gibt, dass ein solches „Wesen" existiert.

Ein Nur-Schöpfer ist ohne Bedeutung: Dabei klammere ich die Schöpfer-Gott-Frage aus, weil sie keine Bedeutung für die Menschen hat. Ein Gott, der alles nur geschaffen hat, also gleichsam das Uhrwerk der Naturgesetze erfunden und in Gang versetzt hat, sich dann aber zurück gezogen hat, ist offen-sichtlich keiner, den man um Hilfe bitten kann, so oder so in das Geschehen einzugreifen. In allen Religionen ist aber der wesentliche Kern, dass man ein Verhältnis zu Gott hat, das und den man beeinflussen kann und aus dem einem Vorteil erwächst. Die Mittel der Beeinflussung sind dabei sehr verschieden: der reine Glaube, die guten Taten, das Gebet, das Ritual und die Einhal-tung von auf Gott zurück geführten Vorschriften/Verboten. Ein reiner Schöpfer-Gott wäre für die Menschen so wenig bedeutungsvoll wie die Existenz eines beliebigen Sterns oder Atoms.

Die Unwahrscheinlichkeit einer richtigen Religion: Darüber hinaus ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass es Menschengruppen - in welcher Erdregion auch immer - gibt, deren Gottesvorstellung zutrifft. D.h. dass selbst bei Existenz eines Gottes (d.h. einer „richtigen" Religion) alle bis auf höchstens eine Religionen Falsches lehren, glauben und/oder praktizieren, weil es ja nicht verschiedene Spekulationen über das Göttliche gleichermaßen richtig sein können. Wollte man also „glauben", wäre die Frage unbeantwortbar, was zu glauben wäre.

Jenseits ethischer Regeln Verschiedenheit: Nun sind aber die Vorstellungen von Gott/dem Göttlichen und die jeweiligen heilsversprechenden Rituale und Vorschriften äußerst verschieden. Ein gewisser gemeinsamer Nenner liegt lediglich in ethischen Vorschriften, ohne die eine Gemeinschaft nicht existieren kann, insbesondere der Schutz des Eigentums und des Lebens der Gemeinschaftsangehörigen selbst.

Wirksamkeitsnachweis möglich: Die Wirksamkeit von religiösen Vorschriften in Bezug auf Wunscherfüllung/Gebetserhörung u.ä. könnte leicht mit jenen Methoden überprüft werden, mit denen auch Heilmittel und –verfahren wissenschaftlich überprüft werden. Da alle Menschen letztlich auch mehr Geld haben möchten – und sei es für gute Taten gegenüber anderen -, bietet sich das im kontrollierten Versuch durchzuführende Beten (jede Religion nach ihren Vorschriften!) um Lottogewinne an, da ein solcher Versuch leicht auszuwerten wäre.

Vorbewusste Implementation stabilisiert Illusionen: Woher kommt die starke subjektive, zumeist auch gesellschaftliche Überzeugung, den richtigen Glauben zu haben? Zunächst für jedes Individuum aus der Tatsache, dass in seinem Kulturkreis bestimmte Lehren als wahr gelten; dies führt dazu, dass dem Kleinkind „Wahrheiten" und Rituale eingepflanzt werden, schon bevor es denken kann (und insbesondere bevor es sich erinnern kann!)1. Wenn in der weiteren Entwicklung selbständiges Denken und Infragestellung nicht üblich, ja sogar im Religionsbereich unterdrückt wird, wird dieser Mensch das vor-bewusst Aufgenommene für selbstverständlich, ja absolut halten – insbesondere, wenn seine gesellschaftliche Umgebung diese „Überzeugungen" teilt.

Nur so ist erklärlich, warum sich teilweise abstruse Vorstellungen und schlimme Vorschriften in bestimmten Gesellschaften über Jahrhunderte halten können, obwohl in geografischen Nachbarräumen anderes oder gar gegensätzliches mit gleicher Inbrunst geglaubt und praktiziert wird.

Religion legitimiert Macht, Macht stabilisiert Religion: Da Religionen von äußerster Wichtigkeit für stabile Herrschaftsverhältnisse sind, haben sich stets die Mächtigen (Fürsten, Häuptlinge, Priester, Schamanen etc) der religiösen Deutungshoheit bemächtigt, um so ihre Herrschaft religiös zu verankern (Gotteskönigtum, Gottesstaat, religiös verkündete Gehorsamspflichten, Heilskompensationsversprechen im Jenseits etc); oft sogar wurde und wird Abweichung von der „herrschenden" Religion und ihren Vorschriften unter Strafe gestellt, was ihre gesellschaftliche Stabilität unterstützt. Oft wurden und werden dabei auch naturwissenschaftlich vollkommen aufgeklärte Sachverhalte negiert und geächtet, weil das Einräumen eines Irrtums im Religionsgebäude und seinem Anspruch auf absolut wahre Weltdeutung den Herrschenden destabilisierend und gefährlich erscheint.

Religion als vorwissenschaftliche Weltdeutung2: Warum haben sich überall, wo Menschen Gesellschaften gebildet haben, auch Religionen herausge-
bildet? Mir scheint, dass dies mit dem Erwachen des Homo Sapiens und der Hirnbildung eng zusammen hängt. Mit der zunehmenden Denkkapazität des Hirns muss das Bedürfnis gewachsen sein, über die Kenntnisse hinaus, die der unmittelbaren Existenzsicherung dienen, die Umwelt zu „verstehen". Naturgeschehen (Leben, Träume, Tag-Nacht-Wechsel, Donner und Blitz, Sonne, Mond und Sterne) wird beobachtet, Fragen des „Warum" suchen Antworten und bestimmte Mitglieder des Gesellschaft/Gruppe wagen Deutungen, wobei der Hinweis auf Gott/Götter und Geister ganz offenbar eine scheinbar schlüssige und bereitwillig aufgenommene Erklärung darstellt. Man muss gar nicht gleich unterstellen, dass hier von Anfang an bewusste Unwahrheiten erfunden wurden – die berechnende Nutzung der jeweiligen Lehren zur Legitimation eigener Herrschaft dürfte erst später gekommen sein. Geglaubt wurden und werden solche religiösen Weltdeutungen auch deshalb bereitwillig, weil alle Religionen, bzw. Priester und Schamanen mit „Wundern"3 und „Heilerfolgen" Eindruck machen konnten, deren Wahrheit in den meisten Fällen wohl mit jenen Placebo-Effekten begründet ist, den die Wissenschaft heute immer besser versteht.

1 Ganz allgemein werden im Kleinkind Denkmuster und Verhaltensstrategie ebenso wie Wertesysteme und eben auch religiöse Überzeugungen verankert, deren Herkunft dem Menschen später nicht mehr bewusst ist und daher oft unumstößliche Prägung darstellt.
2 Hinter dieser Formulierung steckt keineswegs die falsche Behauptung, die Wissenschaft könne heute oder irgendwann alles schlüssig erklären; die jeweils verbleibenden Lücken sind jedoch kein Beweis für einen Gott oder gar für irgendein konkretes Religionssystem. Vielmehr ist der Hinweis auf einen Gott als Verursacher eines unerklärten Phänomens wissenschaftlich unergiebig, ja leer- sozusagen eine Sackgasse, aus der kein Weg zu weiteren Erkenntnisfortschritten führt.
3 Gerade die Wunder und Heilerfolge zeigen die Richtigkeit des 3. Absatzes, da diese in praktisch allen Religio-nen in gleicher Weise berichtet werden, also offensichtlich religionsunabhängige Phänomene sind.
4 Im Sinne der „Aufklärung" ausschließlich vernunft-basiert


Mangelnde Globalität der Religionen: Weithin übersehen wird der provinzielle Charakter aller Religionen. Sie entspringen eben einer konkreten regionalen und historischen Situation und verabsolutieren dies bis zur Lächerlichkeit. Keine britische Religion würde das Paradies als „Garten, der durch Ströme durchflossen wird" schildern wie der Gottes-Gesandte und Wüsten-Kriegsherr Mohamed. Und keine die Frau als gleichberechtigten Menschen anerkennende Kultur hat im Paradiesversprechen die Bereitstellung von immer neuen Jungfrauen für guten Sex wie eine weit verbreitete „Hoch-Religion". Dass der von Mohamed als Gottesbeweis angeführte Wechsel von Tag („zur Arbeit") und Nacht („zum Ruhen") auf Island nicht gilt, oder die Behauptung von heiligen Stätten, heiligen Bergen oder gar heiligem Boden in staatlich abgegrenzten Territorien zeigt, wie wenig global Religionen sind. Die religiöse Überzeugung in einem bestimmten geographischen Raum ist historisch bedingt durch die Unkenntnis anderer Regionen. Heute wäre dringlich, Kinder unvoreingenommen über die widerspruchsvolle Vielfalt religiöser Überzeugungen zu unterrichten, statt regionale Überlieferungen zu stabilisieren; solch ein wirklicher, wahrhafter Religionsunterricht wäre insofern ein kultureller Fortschritt erster Ordnung – am besten durch aufgeklärte4 Lehrerpersönlichkeiten, die der jeweils regional vorherrschenden Religion nicht angehören.

Religiöser Geo-Zentrismus statt Universalität: Religionen sind aber nicht nur nicht erdumspannend global, sondern in geradezu naiver Weise nicht universell, denn natürlich haben die verschiedenen Religionsstifter, Priester etc nie etwas über das Universum gewusst – genauso wenig wie Gottes Offenbarung in der Wüste die Existenz und Lebensverhältnisse Spitzbergens oder der Bewohner Nord-Kanadas berücksichtigen konnte. Als irdischer Vorgang ist diese regionale Beschränktheit selbstverständlich, als göttliche Offenbarung aber wenig beeindruckend.

Religionen sind generell prä-darwinistisch und anthropozentrisch: der Mensch wird vom Tier nicht nur graduell als hohe Entwicklungsstufe unterschieden, sondern als etwas qualitativ anderes – oft mit einer besonderen Beziehung zum Göttlichen (Wesen). Dazu gehört, dass einem theoretischen Konstrukt (einer oder mehrerer Seelen) Existenz unabhängig vom Körper zugesprochen wird. Besonders problematisch ist die Zuweisung charakterlicher Individualität an eine über den Tod fortbestehende oder gar wieder erscheinende Seele, nachdem die vollständige Abhängigkeit charakterlicher Eigenschaften von veränderbaren, chirurgisch und chemisch manipulierbaren Ent-wicklungen, bzw. Eingriffen gesichert erscheint. Das Seelen-Konzept lässt sich wohl nur bei völliger EntIndividualisierung halten, dann aber hat es so wenig Bedeutung wie ein Nur-Schöpfer Gott.
Begrenzungsfaktor
Mitglied
#105 ° Gesendet: 26.01.2010 20:37
Offenbarungen beschränken sich auf das bereits Bekannte und Unbeweisbare: Warum sind eigentlich Relativitätstheorie und Quantenmechanik als grundlegende Eigenschaften der Welt und Grundlage so vieler segensreicher Techniken bis hin zur Heilung von Krankheiten (einer klassischen Domäne religiöser Wirksamkeit) nicht Gegenstand „göttlicher" Offenbarung gewesen; keine heilige Schrift der Welt hat solche Entdeckungen je vorhergesagt oder gar beschrieben. Im Gegenteil finden sich in diesen Schriften abenteuerlich naive Deutungen von Naturphänomenen und insbesondere bei den reichlich angedrohten Höllenqualen schon fast lustige Ausmalungen – etwa im Ko-ran, wenn ewiges Höllenfeuer für die Ungläubigen verheißen wird und dabei gesagt wird, dass immer wieder frische Haut nachgeliefert werde (so wie im Paradies die vielen zur Verfügung gestellten Jungfrauen ja auch dadurch bereitgestellt werden können, weil Gott ihnen das Jungfernhäutchen immer wieder nachwachsen lässt; dagegen ist die Geschichte von den Jungfrauengeburt Jesu erfreulich unpräzise). Man muss also glauben, dass Gott immer nur offenbart hat, was der Mensch ohnehin schon wusste oder was er nicht nachprüfen konnte.

Selbst-Immunisierung religiöser Systeme: Warum halten sich nun auch hochintelligente und gut ausgebildete Menschen noch immer an „ihre" jeweilige Religion, d.h. diejenige, die in ihrer Region zuhause ist oder durch Kolonialmächte aufgedrückt wurde? Die theologischen Systeme haben eine theologische „Wissenschaft" hervorgebracht, deren besonderes Ziel die Verteidigung des eigenen Glaubens ist. Dabei funktionieren diese apologetischen Argumentgebäude ähnlich denen von Verschwörungstheorien, d.h. die Nicht-Logik oder Nicht-Erklärbarkeit bestimmter Dinge wird als Beweis, mindestens Hinweis auf die höhere Vernunft Gottes angeführt – im Extremfall wird der Verzicht auf eigenständiges Denken (das „sacrificium intellectūs" der katholischen Kirche) gefordert, das eine „satanische" Versuchung sei. So wird es erklärlich, warum gerade hochgebildete Theologen wie Joseph Ratzinger mit hoher Wahrscheinlichkeit glauben, was sie gelehrt wurden, was ihr System ständig wieder produziert und sie selbst lehren.

Gottes historische Politikwechsel: Die drei auf der Torah beruhenden Religionen der Juden Christen und Moslems sind darüber hinaus durch die Historizität, in die sie ihren ewigen Gott stellen, erkennbar menschlich. Wie soll man unvoreingenommen ernst nehmen, dass der dort verkündete Gott den Homo Sapiens 1 bis 2 Mio. Jahre werkeln lässt, um dann zunächst ein Volk als den anderen übergeordnet auszuwählen, diesem bei vielfachem Völkermord zu helfen und schließlich nach so langer Zeit einen Sohn zu zeugen, bzw. eine „Gesandten" zu schicken. Man kann die Empörung der Moslems innerhalb dieses religiösen Systems (das sei Gotteslästerung!) schon verstehen, dass dem ewigen und allmächtigen Gott ein Sohn angedichtet wurde. Während Juden und Moslems im wesentlichen zur Kontinuität ihres Gottes über die Geschichte hinweg stehen, sehen Christen sogar einen radikalen „Politikwechsel" Gottes vor 2000 Jahren: Abkehr vom strengen und strafenden Gott mit all den merkwürdigen Reinheitsvorschriften und Verboten des Alten Testaments zu einem liebenden Gott sowie Aufgabe der Politik des „auserwählten Volkes" zugunsten einer Gotteszuwendung zu allen Menschen. Allerdings haben alle drei Religionssysteme die in den heiligen Schriften bestätigte Sklaverei in Kontinuität über zwei Jahrtausende beibehalten und gerechtfertigt.
Da sind die Lehren von Lao Tse oder Buddha in sofern in sich schlüssiger, als sie ohne Bezug auf eine historisch terminierte, persönlichen Offenbarung nur behaupten, ewige Wahrheiten und Erkenntnis stiftende Rituale entdeckt und den Menschen erläutert zu haben.

Bequeme Fälschungen: Obwohl sich viele Religionen, insbesondere die „Torah-Religionen", auf eine Schrift beziehen, die als Gottes Wort gilt, haben es sich die Gläubigen immer wieder bequem gemacht, wenn etwas zu beschwerlich war. So wurden zwar von Mohamed, nicht aber von den Christen die alten Reinheitsgebote und Verbote übernommen und als universell gültig bestätigt; auch haben der Koran wie auch die Reformierten Christen das richtige 2. Gebot aus der Torah übernommen, nicht aber die übrigen Christen, denen das Abbildungsverbot wohl im Wege stand und die deshalb das alte zehnte Gebot teilen mussten, um wieder auf zehn (also falsche) Gebote zu kommen. Ebenso hat das einfache Volk den Buddhismus mit Göttern und Dämonen angereichert, die bei Buddha selbst nicht vorkommen.

Religion und Wissenschaft: Wissenschaft, insbesondere Naturwissenschaft, ist zuallererst ein Vorgehen, Nachprüfbares auf nachprüfbare Weise nachzuprüfen. Mit der Entwicklung geeigneter wissenschaftlicher Methoden wurden über viele Jahrhunderte hinweg unzählige Aussagen der Philosophie und der Religionen auf den Prüfstand gestellt und als falsch entlarvt; vieles entzieht sich jedoch der Wissenschaft, weil es prinzipiell nicht nachprüfbar ist. Das erlaubt jeder beliebigen Behauptung, wenn sie nur das Kriterium der Nicht-Nachprüfbarkeit erfüllt5, transzendenten Wahrheitsanspruch zu erheben. Nun haben viele religiöse Systeme, insbesondere das Christentum, im Lichte des akzeptierten Wissenschaftsprozesses weite Bastionen der Weltdeutung geräumt; demnächst werden sie wohl als Ergebnis fortschreitender Hirnforschung auch Deutungen von Mensch und Seele räumen müssen. Die Frage steht also unübersehbar an, ob und wann es diese Systeme aufgeben, irgendwelche Glaubenskerne zu verteidigen, die doch nur der schmale Rest einstig umfassender Weltdeutungsansprüche sind.
5 Also auch dem „Fliegenden Spagetti-Monster", das ein findiger Evolutions-Anhänger als dem Kreationismus (oder ID) gleichwertig in US-Schulen unterrichten lassen will, weil es genauso beweisbar sei wie jene Lehren.

Müssen Unwahrheiten „um des lieben Friedens willen" fortgeschrieben werden?: Religionen wirken einerseits stabilisierend auf Gesellschaften, weil sie Ordnung begründen und scheinbar Sinn stiften. Andererseits neigen sie zur Ausgrenzung Andersdenkender und unterdrücken den Fortschritt; nicht selten sind sie Ursache von Hass und Krieg. Es kann aber nicht ernsthaft gefordert werden, falsche Behauptungen müssten aufrecht erhalten werden, ja sogar staatlich gegen Angriffe geschützt werden, weil die Gesellschaft es nicht auf andere Weise fertig bringt, sich eine stabile, aber auch liberale Ordnung im Sinne eines demokratischen Rechtsstaates zu geben. Eine gute Erziehung des Nachwuchses einer Gesellschaft kann auch ohne Höllendrohung und Pa-radiesversprechen gelingen, wahrscheinlich sogar besser, weil Toleranz mit Atheismus und A-Religiosität kompatibel ist, für Gläubige aber nur ein Zugeständnis an Irrende. Liberalität, Demokratie und Menschenrechte sind schließlich nicht ein Erbe der christlichen Kultur des Abendlandes, sondern gegen die Kirche (und anderswo gegen die dortigen Religionen) erkämpft worden.
Pia
Mitglied
#106 ° Gesendet: 27.01.2010 01:01
Begrenzungsfaktor:
Da sind die Lehren von Lao Tse oder Buddha in sofern in sich schlüssiger, als sie ohne Bezug auf eine historisch terminierte, persönlichen Offenbarung nur behaupten, ewige Wahrheiten und Erkenntnis stiftende Rituale entdeckt und den Menschen erläutert zu haben.

Begrenzungsfaktor:
Liberalität, Demokratie und Menschenrechte sind schließlich nicht ein Erbe der christlichen Kultur des Abendlandes, sondern gegen die Kirche (und anderswo gegen die dortigen Religionen) erkämpft worden.

In der aktuellen, pragmatischen Politik macht aber eben auch das Vorgehen Chinas gegen religiöse Minderheiten Sorge, offenbar gibt es einen Punkt, wo die Bekämpfung von Religion zur Diktatur wird, wo man den Menschen die Hoffnung auf ein Etwas, das m.E. niemand beweisen und wiederlegen kann, absolut zu zerstören versucht.

Andererseits habe ich (vor langer Zeit, weiss die Quelle des Buches nicht mehr) mal gelesen, dass in einer Studie zu Traumaopfern auffiel, dass sehr religiöse Personen Folter besser überstehen als Kommunisten, weil Religiöse in der tiefsten Qual noch, eine zwar oder ev. eingebildete, aber für sie reale Verbindung zu einem Aussen schaffen können, die am Folterer vorbeigeht, auf die er kaum Einfluss hat, selbst wenn es ihn noch mehr erzürnen kann, wenn der Gefolterte nicht so zu 100% isoliert und ihm ausgeliefert scheint, wie er es wollte. In der Studie ging es eigentlich darum, dass Kommunisten, wenn sie Atheisten sind, im Moment tiefster Qual, nichts mehr ausserhalb davon sehen oder zu spüren meinen, etwas unglaublich Grosses, was den Folterer extrem übertrifft, dass sie dadurch diese fürchterlichen Momente der Folter viel ohmächtiger wahrnehmen. Psychologisch gesehen scheint mir das irgendwie etwas logisch, wenn im Kopf die Idee festsitzt, dass der Folterer gegenüber Gott oder Gottheiten selbst ein ohnmächtiges Nichts ist, dass das im Moment einen gewissen Einfluss auf Personen hat.
Begrenzungsfaktor
Mitglied
#107 ° Gesendet: 27.01.2010 08:14
@Pia
Ja das kann ich nachvollziehen was du schreibst. Dennoch sähe ich auch aus rein „Foltertechnischen" Gründen keine echten Grund religiös zu werden.

Dazu fällt mir spontan das Buch von 1984 von George Orwell ein. Orwell zeigt auf wie ein Mensch (Winston Smith) „umerzogen" wird durch einen totalitären Machtapparat. Im „Ministerium der Liebe" wird Winston so lange durch die Gedankenpolizei gefoltert, bis er INSOC (den Diktator) liebt und seine eigen große Liebe (Julia) verrät. Orwell zeigt auf, dass man letzten Endes jeden Menschen an diesen Punkt bringen kann und sogar die Liebe brechen kann. Die Liebe aber ist gerade das was religiöse Menschen mit ihrem Gott so innig verbindet...
Pia
Mitglied
#108 ° Gesendet: 29.01.2010 00:11
Begrenzungsfaktor:
@Pia
Ja das kann ich nachvollziehen was du schreibst. Dennoch sähe ich auch aus rein „Foltertechnischen" Gründen keine echten Grund religiös zu werden.

Weiss nicht, ob Mensch sich das dann quasi technisch-bewusst ("Grund") noch fragt, wenn nur noch Ohnmacht die Realität beherrscht. Das innerliche Hoffen auf eine absolut aussermenschliche Macht, die einen daraus befreien täte, kann ich irgendwie verstehen.

Begrenzungsfaktor:
Dazu fällt mir spontan das Buch von 1984 von George Orwell ein. Orwell zeigt auf wie ein Mensch (Winston Smith) „umerzogen" wird durch einen totalitären Machtapparat. Im „Ministerium der Liebe" wird Winston so lange durch die Gedankenpolizei gefoltert, bis er INSOC (den Diktator) liebt und seine eigen große Liebe (Julia) verrät. Orwell zeigt auf, dass man letzten Endes jeden Menschen an diesen Punkt bringen kann und sogar die Liebe brechen kann. Die Liebe aber ist gerade das was religiöse Menschen mit ihrem Gott so innig verbindet...

Heute weiss man mehr über manche Foltersituationen, so auch, dass geliebte Menschen, die weder politisch noch wirtschaftlich noch sonst irgendwie die Folter selbst von geliebten Betroffenen verhindern konnten, unmittelbar, im Moment der Folter selbst und vor allem kurz danach extrem gehasst werden, selbst wenn sie (geliebte Menschen) real die Folter nicht verhindern konnten, sie wurden an den Toren zur Folter selbst brutal zurückgedrängt. Die Gefolterten sind dann total verlassen, total. Falls sie es überleben, werden sie selbst das Drama jener, die sie möglicherweise zu retten versuchten, aber davon ebenso brutal abgehalten wurden, vernehmen, bemerken, dass auch sie regelrecht traumatisiert wurden. Solche Vorgänge sind dermassen komplex, dass sie hier per Blog kaum wirklich erfasst oder diskutiert werden können.
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