Begrenzungsfaktor Mitglied
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Als Freidenker halte ich es mit der Religion wie Gerd Eisenbeiß
17 Thesen über Religion
Von Gerd Eisenbeiß Bonn, den 9. August 2006
Keine Evidenz für Existenz: Meine Einstellung zu Religionen ist von der tiefen Überzeugung bestimmt, dass es einen Gott oder Götter, die in das Weltgeschehen eingreifen, nicht gibt – ja, dass es keinerlei Evidenz gibt, dass ein solches „Wesen" existiert.
Ein Nur-Schöpfer ist ohne Bedeutung: Dabei klammere ich die Schöpfer-Gott-Frage aus, weil sie keine Bedeutung für die Menschen hat. Ein Gott, der alles nur geschaffen hat, also gleichsam das Uhrwerk der Naturgesetze erfunden und in Gang versetzt hat, sich dann aber zurück gezogen hat, ist offen-sichtlich keiner, den man um Hilfe bitten kann, so oder so in das Geschehen einzugreifen. In allen Religionen ist aber der wesentliche Kern, dass man ein Verhältnis zu Gott hat, das und den man beeinflussen kann und aus dem einem Vorteil erwächst. Die Mittel der Beeinflussung sind dabei sehr verschieden: der reine Glaube, die guten Taten, das Gebet, das Ritual und die Einhal-tung von auf Gott zurück geführten Vorschriften/Verboten. Ein reiner Schöpfer-Gott wäre für die Menschen so wenig bedeutungsvoll wie die Existenz eines beliebigen Sterns oder Atoms.
Die Unwahrscheinlichkeit einer richtigen Religion: Darüber hinaus ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass es Menschengruppen - in welcher Erdregion auch immer - gibt, deren Gottesvorstellung zutrifft. D.h. dass selbst bei Existenz eines Gottes (d.h. einer „richtigen" Religion) alle bis auf höchstens eine Religionen Falsches lehren, glauben und/oder praktizieren, weil es ja nicht verschiedene Spekulationen über das Göttliche gleichermaßen richtig sein können. Wollte man also „glauben", wäre die Frage unbeantwortbar, was zu glauben wäre.
Jenseits ethischer Regeln Verschiedenheit: Nun sind aber die Vorstellungen von Gott/dem Göttlichen und die jeweiligen heilsversprechenden Rituale und Vorschriften äußerst verschieden. Ein gewisser gemeinsamer Nenner liegt lediglich in ethischen Vorschriften, ohne die eine Gemeinschaft nicht existieren kann, insbesondere der Schutz des Eigentums und des Lebens der Gemeinschaftsangehörigen selbst.
Wirksamkeitsnachweis möglich: Die Wirksamkeit von religiösen Vorschriften in Bezug auf Wunscherfüllung/Gebetserhörung u.ä. könnte leicht mit jenen Methoden überprüft werden, mit denen auch Heilmittel und –verfahren wissenschaftlich überprüft werden. Da alle Menschen letztlich auch mehr Geld haben möchten – und sei es für gute Taten gegenüber anderen -, bietet sich das im kontrollierten Versuch durchzuführende Beten (jede Religion nach ihren Vorschriften!) um Lottogewinne an, da ein solcher Versuch leicht auszuwerten wäre.
Vorbewusste Implementation stabilisiert Illusionen: Woher kommt die starke subjektive, zumeist auch gesellschaftliche Überzeugung, den richtigen Glauben zu haben? Zunächst für jedes Individuum aus der Tatsache, dass in seinem Kulturkreis bestimmte Lehren als wahr gelten; dies führt dazu, dass dem Kleinkind „Wahrheiten" und Rituale eingepflanzt werden, schon bevor es denken kann (und insbesondere bevor es sich erinnern kann!)1. Wenn in der weiteren Entwicklung selbständiges Denken und Infragestellung nicht üblich, ja sogar im Religionsbereich unterdrückt wird, wird dieser Mensch das vor-bewusst Aufgenommene für selbstverständlich, ja absolut halten – insbesondere, wenn seine gesellschaftliche Umgebung diese „Überzeugungen" teilt.
Nur so ist erklärlich, warum sich teilweise abstruse Vorstellungen und schlimme Vorschriften in bestimmten Gesellschaften über Jahrhunderte halten können, obwohl in geografischen Nachbarräumen anderes oder gar gegensätzliches mit gleicher Inbrunst geglaubt und praktiziert wird.
Religion legitimiert Macht, Macht stabilisiert Religion: Da Religionen von äußerster Wichtigkeit für stabile Herrschaftsverhältnisse sind, haben sich stets die Mächtigen (Fürsten, Häuptlinge, Priester, Schamanen etc) der religiösen Deutungshoheit bemächtigt, um so ihre Herrschaft religiös zu verankern (Gotteskönigtum, Gottesstaat, religiös verkündete Gehorsamspflichten, Heilskompensationsversprechen im Jenseits etc); oft sogar wurde und wird Abweichung von der „herrschenden" Religion und ihren Vorschriften unter Strafe gestellt, was ihre gesellschaftliche Stabilität unterstützt. Oft wurden und werden dabei auch naturwissenschaftlich vollkommen aufgeklärte Sachverhalte negiert und geächtet, weil das Einräumen eines Irrtums im Religionsgebäude und seinem Anspruch auf absolut wahre Weltdeutung den Herrschenden destabilisierend und gefährlich erscheint.
Religion als vorwissenschaftliche Weltdeutung2: Warum haben sich überall, wo Menschen Gesellschaften gebildet haben, auch Religionen herausge- bildet? Mir scheint, dass dies mit dem Erwachen des Homo Sapiens und der Hirnbildung eng zusammen hängt. Mit der zunehmenden Denkkapazität des Hirns muss das Bedürfnis gewachsen sein, über die Kenntnisse hinaus, die der unmittelbaren Existenzsicherung dienen, die Umwelt zu „verstehen". Naturgeschehen (Leben, Träume, Tag-Nacht-Wechsel, Donner und Blitz, Sonne, Mond und Sterne) wird beobachtet, Fragen des „Warum" suchen Antworten und bestimmte Mitglieder des Gesellschaft/Gruppe wagen Deutungen, wobei der Hinweis auf Gott/Götter und Geister ganz offenbar eine scheinbar schlüssige und bereitwillig aufgenommene Erklärung darstellt. Man muss gar nicht gleich unterstellen, dass hier von Anfang an bewusste Unwahrheiten erfunden wurden – die berechnende Nutzung der jeweiligen Lehren zur Legitimation eigener Herrschaft dürfte erst später gekommen sein. Geglaubt wurden und werden solche religiösen Weltdeutungen auch deshalb bereitwillig, weil alle Religionen, bzw. Priester und Schamanen mit „Wundern"3 und „Heilerfolgen" Eindruck machen konnten, deren Wahrheit in den meisten Fällen wohl mit jenen Placebo-Effekten begründet ist, den die Wissenschaft heute immer besser versteht.
1 Ganz allgemein werden im Kleinkind Denkmuster und Verhaltensstrategie ebenso wie Wertesysteme und eben auch religiöse Überzeugungen verankert, deren Herkunft dem Menschen später nicht mehr bewusst ist und daher oft unumstößliche Prägung darstellt. 2 Hinter dieser Formulierung steckt keineswegs die falsche Behauptung, die Wissenschaft könne heute oder irgendwann alles schlüssig erklären; die jeweils verbleibenden Lücken sind jedoch kein Beweis für einen Gott oder gar für irgendein konkretes Religionssystem. Vielmehr ist der Hinweis auf einen Gott als Verursacher eines unerklärten Phänomens wissenschaftlich unergiebig, ja leer- sozusagen eine Sackgasse, aus der kein Weg zu weiteren Erkenntnisfortschritten führt. 3 Gerade die Wunder und Heilerfolge zeigen die Richtigkeit des 3. Absatzes, da diese in praktisch allen Religio-nen in gleicher Weise berichtet werden, also offensichtlich religionsunabhängige Phänomene sind. 4 Im Sinne der „Aufklärung" ausschließlich vernunft-basiert
Mangelnde Globalität der Religionen: Weithin übersehen wird der provinzielle Charakter aller Religionen. Sie entspringen eben einer konkreten regionalen und historischen Situation und verabsolutieren dies bis zur Lächerlichkeit. Keine britische Religion würde das Paradies als „Garten, der durch Ströme durchflossen wird" schildern wie der Gottes-Gesandte und Wüsten-Kriegsherr Mohamed. Und keine die Frau als gleichberechtigten Menschen anerkennende Kultur hat im Paradiesversprechen die Bereitstellung von immer neuen Jungfrauen für guten Sex wie eine weit verbreitete „Hoch-Religion". Dass der von Mohamed als Gottesbeweis angeführte Wechsel von Tag („zur Arbeit") und Nacht („zum Ruhen") auf Island nicht gilt, oder die Behauptung von heiligen Stätten, heiligen Bergen oder gar heiligem Boden in staatlich abgegrenzten Territorien zeigt, wie wenig global Religionen sind. Die religiöse Überzeugung in einem bestimmten geographischen Raum ist historisch bedingt durch die Unkenntnis anderer Regionen. Heute wäre dringlich, Kinder unvoreingenommen über die widerspruchsvolle Vielfalt religiöser Überzeugungen zu unterrichten, statt regionale Überlieferungen zu stabilisieren; solch ein wirklicher, wahrhafter Religionsunterricht wäre insofern ein kultureller Fortschritt erster Ordnung – am besten durch aufgeklärte4 Lehrerpersönlichkeiten, die der jeweils regional vorherrschenden Religion nicht angehören.
Religiöser Geo-Zentrismus statt Universalität: Religionen sind aber nicht nur nicht erdumspannend global, sondern in geradezu naiver Weise nicht universell, denn natürlich haben die verschiedenen Religionsstifter, Priester etc nie etwas über das Universum gewusst – genauso wenig wie Gottes Offenbarung in der Wüste die Existenz und Lebensverhältnisse Spitzbergens oder der Bewohner Nord-Kanadas berücksichtigen konnte. Als irdischer Vorgang ist diese regionale Beschränktheit selbstverständlich, als göttliche Offenbarung aber wenig beeindruckend.
Religionen sind generell prä-darwinistisch und anthropozentrisch: der Mensch wird vom Tier nicht nur graduell als hohe Entwicklungsstufe unterschieden, sondern als etwas qualitativ anderes – oft mit einer besonderen Beziehung zum Göttlichen (Wesen). Dazu gehört, dass einem theoretischen Konstrukt (einer oder mehrerer Seelen) Existenz unabhängig vom Körper zugesprochen wird. Besonders problematisch ist die Zuweisung charakterlicher Individualität an eine über den Tod fortbestehende oder gar wieder erscheinende Seele, nachdem die vollständige Abhängigkeit charakterlicher Eigenschaften von veränderbaren, chirurgisch und chemisch manipulierbaren Ent-wicklungen, bzw. Eingriffen gesichert erscheint. Das Seelen-Konzept lässt sich wohl nur bei völliger EntIndividualisierung halten, dann aber hat es so wenig Bedeutung wie ein Nur-Schöpfer Gott. |