Neue Zürcher Zeitung, 12.10.2006
Briefe an die NZZ
Scheinheilige Behindertenverbände
Der materielle Teil der 5. Revision des Invalidenversicherungsgesetzes ist unter Dach und Fach. Wer die Stellungnahmen der grossen Behindertenverbände im Rahmen der Vernehmlassung und während der parlamentarischen Diskussion kennt, reibt sich die Augen: Die zentralen Anliegen der Behindertenorganisationen wurden nicht berücksichtigt, Menschen mit Behinderungen haben fast auf der ganzen Linie verloren, aber keine der grossen Behindertenorganisationen will das Referendum gegen die IV- Revision ergreifen (NZZ 4. 10. 06).
Zur Erinnerung: Alle wichtigen Behindertenverbände haben sich darüber beklagt, dass die Revision geprägt war vom unsäglichen Begriff der "Scheininvaliden", ein Wort, welches das Bild vermittelt, dass viele betroffene Menschen ihre gesundheitlichen und psychischen Beeinträchtigungen nur vortäuschen. Ebenso hat man sich gegen den Slogan "Arbeit statt Rente" gewehrt, der vorgibt, dass Betroffene zwischen einer Arbeit und einer IV-Rente frei wählen können.
Es wurde in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es immer schwieriger wird, Arbeitgeber für die Anstellung von in ihrer Leistung beeinträchtigten Menschen zu gewinnen. Und alle Verbände vertraten den Standpunkt, dass das Ziel der Rentenreduktion nur erreicht werden kann, wenn die Verantwortung der Arbeitgeber unter anderem im Bereich der Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen für behinderte Menschen gesetzlich geregelt wird.
Die Argumente der Behindertenverbände für einen Referendumsverzicht sind schlicht unglaubwürdig, ja zynisch. Ihnen werden von staatlicher und privater Seite Mittel zur Verfügung gestellt, damit sie sich für Gleichstellung und Integration von Menschen mit einer Behinderung einsetzen. Und wer anderes als die Behindertenverbände soll mit der SVP die "Scheininvaliden"-Debatte führen? Das Nein der Behindertenorganisationen zum Referendum muss bei Betroffenen die Frage auslösen, wer denn nun eigentlich ihre Interessen vertritt, und dies in einer Zeit, wo die Ausgrenzung von Menschen mit einer Behinderung wieder zunimmt.
Martin Haug, Beauftragter des Kantons Basel-Stadt für Integration und Gleichstellung von Menschen mit einer Behinderung.
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Die 5. IV-Revision ist eine Scheinlösung:
Sie nützt den scheinheiligen Behindertenverbänden und schadet den Behinderten
Argumente zum Referendum und Unterschriftensammlung:
http://www.ivg-referendum.ch/de/home_referendum_de.php
FEW things