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Rechtsbürgerlicher Widerspruch: Was ist Qualität?

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Thomas
Mitglied
#1 ° Gesendet: 06.03.2010 13:57
Gestern in der NZZ war ein Leserbrief zur Buchpreisbindung abgedruckt. Der Autor verneint, dass es irgendeine Kriterium gäbe, um dasjenige, was förderungswürdig ist, ausfindig zu machen. Man könne wohl schwerlich differenzieren zwischen mehr oder weniger Hochstehendem. Es gibt viele Rechtsbürgerliche, die so argumentieren.

Ein paar Seiten weiter im Wirtschaftsbund liest man unter der Überschrift «Höhere Studiengebühren nötig» als Forderung der Schweizer Industrie, dass als Folge der höheren Maturitätsquote die Qualität an den Hochschulen sinken würde. Die Studiengebühren seien zu erhöhen, und man solle ein leistungsorientiertes Stipendienwesen und Darlehenssystem, beim lediglich gute Studierende unterstützt würden, einrichten. Auch hier argumentieren viele Rechtsbürgerliche in dieser Art und Weise.

Beide Meinungen drehen sich um die Frage, was ist überhaupt «gut»? Im ersten Falle geht es um gute Bücher, und es wird verneint, dass es ein Kriterium für deren Qualität gibt. Im zweiten Falle geht es um gute Studenten, und es wird Qualität gefordert, also bejaht, dass es ein Kriterium für deren Qualität gibt. Wie ist dieser Widerspruch aufzulösen?
felixkohl
Mitglied
#2 ° Gesendet: 07.03.2010 12:54 ° Bearbeitet von: felixkohl
"Gut" ist ein Gefäss, das man mit allerlei Ansprüchen füllen kann. Zum Beispiel die gesellschaftlichen Erwartungen an eine Schule, ökonomischer Erfolg oder nachhaltige Wirkung auf die Weltliteratur.

Kurz formuliert haben Schulen zwei Aufgaben, die ihnen von der Gesellschaft aufgetragen wurden: Bildung und Selektion.
Die zweite unangenehme Aufgabe wird von den Schulen (nicht den Lehrern) gerne abgeschoben, von der Primarschule auf die Oberstufe, von der Oberstufe aufs Gymnasium und vom Gymnasium auf die Hochschulen. Letztere haben die "Arschkarte".
Und sollte sie das Spiel weitertreiben, findet die Selektion auf dem Arbeitsmarkt statt, zu Lasten der Wirtschaft und zu Lasten der betroffenen Individuen selber.
Aber nun kommts: Der Arbeitsmarkt selektiert nicht nach objektivierbaren Kriterien sondern nach "Nützlichkeit" und kurzfristig ausgerichtetem Erfolg.

Bücher möglichst objektiv zu evaluieren ist gewiss keine einfache Aufgabe.
Orientiert man sich nur an die Verkaufszahlen, befänden wir uns schnell auf dem Holzweg (Wirtschaftliche Evaluation). Übertragen wir die Qualifikation von Literatur einer Bildungselite (wer bestimmt diese?), die sich am jeweiligen, zur Zeit modernen Bildungskanon hält, wäre das auch nicht gut.
Trotzdem schliesst das nicht offene und fruchtbare Diskussionen aus (Literaturclubs, Rezensionen etc.). Letztlich entscheidet meist die Retrospektive, was "gut war".
Thomas
Mitglied
#3 ° Gesendet: 07.03.2010 16:15
felixkohl:
Die zweite unangenehme Aufgabe wird von den Schulen (nicht den Lehrern) gerne abgeschoben, von der Primarschule auf die Oberstufe, von der Oberstufe aufs Gymnasium und vom Gymnasium auf die Hochschulen. Letztere haben die "Arschkarte".

Da sehe ich das Problem nicht. Selektion findet jederzeit statt: Prüfungen, Aufnahmeprüfungen, Numerus Clausus. Bei letzterem beklagt man sich heute, dass wir zu wenig Medizinstudenten haben. Und das geschieht nicht, weil es zu wenige Leute gibt, die sich dafür interessieren.

felixkohl:
Und sollte sie das Spiel weitertreiben, findet die Selektion auf dem Arbeitsmarkt statt, zu Lasten der Wirtschaft und zu Lasten der betroffenen Individuen selber.
Aber nun kommts: Der Arbeitsmarkt selektiert nicht nach objektivierbaren Kriterien sondern nach "Nützlichkeit" und kurzfristig ausgerichtetem Erfolg.

Auch hier sehe ich kein Problem. Mit dem Bachelor wurde ein Instrument geschaffen, damit die Industrie ihre Abgänger erhält. Warum fordert Swissmem nun zusätzliche Hürden mit der Erhöhung der Studiengebühren? Und die Förderung von Hochbegabten mittels Stipendien und Darlehen würde ja gar nicht primär diejenigen betreffen, die nachher in der Industrie arbeiten. Irgendwas ist hier doch faul.

felixkohl:
Übertragen wir die Qualifikation von Literatur einer Bildungselite (wer bestimmt diese?), die sich am jeweiligen, zur Zeit modernen Bildungskanon hält, wäre das auch nicht gut.
Trotzdem schliesst das nicht offene und fruchtbare Diskussionen aus (Literaturclubs, Rezensionen etc.). Letztlich entscheidet meist die Retrospektive, was "gut war".

Abgesehen davon, dass die Buchpreisbindung auch wissenschaftliche Bücher betrifft (z.B. Fachbücher über Stochastik, Mikrobiologie, Islamwissenschaft oder Afrikanistik), bleibt immer noch die Frage, warum begabte Studenten aufgrund einer Bildungselite (Fachexperten oder die Industrie? Dann lieber ersteres!) gefördert werden könnten, man bei begabten Buchschreibern aber argumentiert, es gebe keine Kriterien zu erkennen, wer förderungswürdig ist. Auch hier ist irgendwas faul.
leonforte
Mitglied
#4 ° Gesendet: 08.03.2010 11:06
Thomas:
Dann lieber ersteres!) gefördert werden könnten, man bei begabten Buchschreibern aber argumentiert, es gebe keine Kriterien zu erkennen, wer förderungswürdig ist.

ich finde diesen zusammenhang zwischen buchpreisbindungund förderung von autoren ein bisschen an den haaren herbeigezogen. die buchpreisbindung ist vor allem ein instrument buchhandlungen im sinne geschützter werkstätten zu erhalten. die förderung von autoren geschieht über andere kanäle.
rlarsson
Mitglied
#5 ° Gesendet: 08.03.2010 13:50
leonforte:
die buchpreisbindung ist vor allem ein instrument buchhandlungen im sinne geschützter werkstätten zu erhalten.

Das begreife ich auch recht schwer, warum nun gerade die Linken so handeln. Sonst sind sie in der Regel immer konsumentenfreundlich eingestellt und verurteilen zu hohe Preise auf dem Schweizer Markt. Nicht so, wenn es ihr Klientel betrifft. Ich frage mich, was der Mehrwert sein wird, wenn nun zum alten System zurückgekehrt wird? Kriegen wir etwa mehr Buch?
Thomas
Mitglied
#6 ° Gesendet: 08.03.2010 22:10
rlarsson:
Sonst sind sie in der Regel immer konsumentenfreundlich eingestellt und verurteilen zu hohe Preise auf dem Schweizer Markt.

Eben, es geht bei der Buchpreisbindung gerade darum, dass auch spezielle Fachbücher und hohe Literatur zu einem erschwinglichen Preis erhältlich sind.

leonforte:
ich finde diesen zusammenhang zwischen buchpreisbindung und förderung von autoren ein bisschen an den haaren herbeigezogen. die buchpreisbindung ist vor allem ein instrument buchhandlungen im sinne geschützter werkstätten zu erhalten.

Erstens verstehe ich nicht, was die Buchpreisbindung mit dem Schutz von Buchhandlungen zu tun haben soll. Zweitens sollte doch klar sein, dass Fachbücher zu hohen Preisen weniger gekauft werden und damit der Autor leer ausgeht, obwohl sein Stück Holz vielleicht gleich gross ist wie dasjenige Buch, auf dem eine Harry-Potter-Geschichte gedruckt wurde. M.a.W. der Preis steht in einem Missverhältnis zu dem, was man dafür bekommt.
Pia
Mitglied
#7 ° Gesendet: 10.03.2010 01:36
rlarsson:
Kriegen wir etwa mehr Buch?

WIR? Wer soll das sein? Populistischer Dummschwatz.-
Philister
Mitglied
#8 ° Gesendet: 10.03.2010 15:54
Die beiden Themen lassen sich im Grunde genommen doch ohnehin schlecht miteinander vergleichen. So wie ich das verstanden habe, geht es in der Diskussion um höhere Studienbeiträge letztlich vor allem um Braindrain, Infrastruktur und Personal - bei der Buchbindung um die Verhinderung, dass die von Thomas erwähnte wirtschaftliche Evaluation zu massgebend wird.

Bildung lässt sich mit Investitionen massgeblich qualitativ verbessern - gute Bücher werden auch ohne finanzielle Förderung geschrieben.
agathon
Mitglied
#9 ° Gesendet: 10.03.2010 16:15
rlarsson:
warum nun gerade die Linken so handeln.

Depperl. – Sofort das Links-Rechts-Schema bemühen und dabei immer vergessen unsere Landesregierung zu 60% und mehr bürgerlich ist.
agathon
Mitglied
#10 ° Gesendet: 10.03.2010 16:26 ° Bearbeitet von: agathon
Die Buchpreisbindung ist ein wichtiges qualitätsförderndes Instrument auf dem Büchermarkt. Sie hat mehrere Auswirkungen:

1.) können die grossen Häuser die kleinen Buchhandlungen nicht über Dumpingpreise und Aktionen von der Landschaft ausradieren. Die kleinen sind meist Fachbuchhandungen, die ein Sortiment führen, um das sich z.B. Orell-Füssli kaum schert. Wie bei den Autos, die man vielleicht mal fahren will, bevor man sie kauft, will man eben auch ab und an ein Buch zuerst anschauen, statt es blind auf amazon zu bestellen.

2.) Bücher, die in Buchhandlungen aufliegen, werden besser verkauft. Wenn es nur noch die grossen Häuser mir ihrem Mainstream-Angebot gäbe, würden Bücher, die sich an ein kleines Publikum richten, verschwinden, denn die liegen in den grossen Häusern nicht auf. Ergo brauchen wir die kleinen Buchhandlungen, die sich eben unter anderem genau an ein kleines spezifisches Publikum richten.

Ergo: Ohne die Buchpreisbindung würden wir um sehr viele gute Bücher ärmer.

Nachsatz für leonforte und andere Geld-Ökonomen: Wenn allein die Nachfrage bestimmt, geht oft die Diversität des Angebots verloren.
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