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Die schweizerischen Zeitungen im Wandel

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Thomas
Mitglied
#171 ° Gesendet: 21.07.2010 00:50
Ein kleines Gedankenexperiment demontiert die Zeitungsmacher, welche ihr Heil in Klick-Quoten und im Schielen auf Mehrheiten suchen.


Nehmen wir an, es gebe 3 disjunkte, gleichmächtige Gruppen A, B, C von Zeitungslesern:

Gruppe A abonniert die Zeitung XY nur aufgrund der politischen Berichterstattung.
Gruppe B abonniert die Zeitung XY nur aufgrund der kulturellen Berichterstattung.
Gruppe C abonniert die Zeitung XY nur aufgrund der Sport-Berichterstattung.

Nun macht die Zeitung XY eine Online-Umfrage, um herauszufinden, welches Ressort man wegrationalisieren könnte: «Abonnieren Sie die Zeitung wegen dem Sportteil?».

Die Umfrage wird logischerweise zu einer Zweidrittelmehrheit von Nein-Stimmen führen. Für das Management ist klar: Der Sportteil muss weg.

Würde man dieselbe Frage für den politischen und den kulturellen Teil stellen, würde auch hier das Verdikt niederschlagend sein: je eine Zweidrittelsmehrheit von Nein-Stimmen. Und am Ende gäbe es gemäss der Management- und Chefredaktoren-Logik gar keine Berichterstattung mehr, m.a.W. die Zeitung hätte sich selber in Nichts aufgelöst.


Man kann jetzt einwenden, die Wahl der Gruppen sei unrealistisch. Aber die Mechanismen bleiben dieselben: Auswertung von Klicks und Mehrheitsentscheide. Das Gedankenexperiment zeigt auf, wie aufgrund von oberflächlichen Analysen, wie sie heute gang und gäbe sind, absurde Entscheide getroffen werden.
felixkohl
Mitglied
#172 ° Gesendet: 21.07.2010 01:57 ° Bearbeitet von: felixkohl
@Thomas

Vielen Dank für das clevere - ja fast salomonisch einleuchtende - Beispiel. Werde es mit Deiner Erlaubnis in Diskussionen zitieren. :-)

Mit Umfragen und Statistik in Händen von Laien wird allerlei Schindluderei betrieben, sowohl in Printmedien, in Rundfunk oder anderen Kontexten.
In Deinem Beispiel verwendest Du den Ausschluss bzw. das Schmälern des "Produkte-Portfeuilles".

Mehrheitsentscheide werden in ähnlicher Manier auch bei der "Wahl" oder "Annahme" eines Produktes generiert.
Ein Radio (z.B. 24 oder Energy) spielt immer denselben Sound rauf und runter. In der Umfrage an die Zuhörer werden einige Alternativen (Pseudoalternativen - ich wurde mal telefonisch damit "beglückt") aufgezeigt und nachgefragt, ob die Zuhörer das wollen....die Auswertung wird mehr oder weniger den bekannten StatusQuo bestätigen, da sich alle anderen längst ausgeklinkt haben.

Besonders dramatisch Folgen hat dieses Vorgehen, wenn bereits eine Mehrheit in der Bevölkerung sich Alternativen nicht mehr vorstellen kann (die Fachleute behaupten dann, es sei der Markt und die Nachfrage).
Das bedeutet letztlich z.B. Agenturmeldungen, Promitalk, Sport, Wetter und Horoskop...und im Falle von Radio die "besten Hits der 80er, 90er und 2000 Jahre".
Ohne Medienwissenschaft studiert zu haben, wüsste ich ein Dutzend Alternativen.
Thomas
Mitglied
#173 ° Gesendet: 23.07.2010 21:24
felixkohl:
Vielen Dank für das clevere - ja fast salomonisch einleuchtende - Beispiel. Werde es mit Deiner Erlaubnis in Diskussionen zitieren. :-)

Nur zu! Ich beanspruche kein Copyright darauf und habe auch nicht vor, es in Nature zu publizieren.

Man kann das Beispiel auch mit Politikern (z.B. BundesrätInnen) durchexerzieren, indem man sich vorstellt, wie Links-, Mitte- und Rechts-Wähler mit ungefähren Zweidrittelsmehrheiten Angehörige des jeweils anderen Segments "bashen".

felixkohl:
In Deinem Beispiel verwendest Du den Ausschluss bzw. das Schmälern des "Produkte-Portfeuilles".

Genau, es geht auch um den Mechanismus, wie Vielfalt allmählich durch Einheitsbrei ersetzt wird.

Im übrigen sind auch die meisten Online-Umfragen im TA binär gestellt. So ist in der heute veröffentlichten Online-Umfrage eine 54-Prozent-Mehrheit dafür, nachts an den Tankstellen einkaufen zu können. Würde man die Frage stellen, ob es legitim ist, wenn Angestellte zur Nachtarbeit verpflichtet werden, könnte paradoxerweise ebenso eine 54-Prozent-Mehrheit, diese Idee ablehnen. M.a.W. Umfragen werden der Realität nicht gerecht, v.a. da sich die Leute, die sie stellen, oft nicht viel dabei überlegen.
abc def
Mitglied
#174 ° Gesendet: 24.07.2010 18:47
Thomas:
Und am Ende gäbe es gemäss der Management- und Chefredaktoren-Logik gar keine Berichterstattung mehr, m.a.W. die Zeitung hätte sich selber in Nichts aufgelöst.

Thomas:
Man kann jetzt einwenden, die Wahl der Gruppen sei unrealistisch.

Man kann vor allem einwenden, dass deine Theorie in der Realität (überprüfbar) nicht zutrifft.
Die meisten Zeitungen machen doch genau das Gegenteil. Sie schreiben über alles ein bisschen, und über nichts richtig.
Mir fällt jedenfalls keine Zeitung ein, die in letzter Zeit z.B. den Sport gestrichen hat. Sowas wäre eine echt mutige Entscheidung.
Thomas
Mitglied
#175 ° Gesendet: 24.07.2010 19:26 ° Bearbeitet von: Thomas
abc def:
Man kann vor allem einwenden, dass deine Theorie in der Realität (überprüfbar) nicht zutrifft.

Meine "Theorie" will etwas aufzeigen. Die Ökonomen messen auch anhand vereinfachter Theorien mit Ceteris-paribus-Regeln die empirische Realität. Das Verfahren ist legitim. Und beim Beispiel mit den Bundesrätinnen sogar sehr realistisch.

abc def:
Die meisten Zeitungen machen doch genau das Gegenteil. Sie schreiben über alles ein bisschen, und über nichts richtig.

Das liegt aber - etwa beim Tages-Anzeiger - daran, dass man die Fachjournalisten rausgeschmissen hat und die sog. "Generalisten" alles machen lässt. So schreibt halt auch mal der Chefredaktor (ein studierter Ökonom) ein Interview mit einem Literaten. Das ist m.E. dilettantisch, eine Zumutung und als Angleichung an die Gratiszeitungen das Geld nicht wert, das der Abonnent zahlt. So wird aus dem Tagi eben das "15Minuten". Die sinkenden Leserzahlen geben mir da recht.
felixkohl
Mitglied
#176 ° Gesendet: 24.07.2010 21:53
@Thomas

nd beim Beispiel mit den Bundesrätinnen sogar sehr realistisch.

Genau. Mir kam wieder einmal ein Exemplar TA (glaube vom Dienstag) zu Händen. Da entbrennt eine Pseudopolemik wegen Frauenmehrheit im BR. Dann noch eine Umfrage, ob eine weitere Frau erwünscht sei oder nicht. Blabla...leben die noch in den 80ern?

Natürlich würde es schwieriger werden, einen sinnvoller und realistischer Kriterienkatalog aufzustellen, welchem ein BR-Kandidat möglichst gerecht werden sollte. Wir haben im Forum schon ein wenig darüber diskutiert.

Solcher Journalismus ist einfach zum Gähnen und die Zeitung wandert rasch ins Altpapier.

@abc def

Die meisten Zeitungen machen doch genau das Gegenteil. Sie schreiben über alles ein bisschen, und über nichts richtig.

Das schliesst ja nicht aus, dass eben auch sogenannte Schwerpunktsthemen nicht seriös bearbeitet werden.
Und was Du eben erwähntest, sind ja nichts anderes als ausgeschmückte Agenturmeldungen, wie ich schon oben ausführte.

Als Positivbeispiel lässt sich nich die NZZ zitieren. Nebst fundierteren Recherchen (habe früher vier Jahre lang NZZ und TA abonniert und konnte direkt vergleichen) finden sich regelmässig Dossiers mit vertieftem Einblick in komplexe Themen. Viele Journalisten nähern sich den Detailthemen aus diversen Perspektiven. Das hält den Geist wach.

Aber eben. Das kostet halt..
driver
Mitglied
#177 ° Gesendet: 25.07.2010 10:46
Thomas:
Das liegt aber - etwa beim Tages-Anzeiger - daran, dass man die Fachjournalisten rausgeschmissen hat und die sog. "Generalisten" alles machen lässt.

Wusste ich nicht, erklärt aber so einiges. Danke für die Info.
felixkohl
Mitglied
#178 ° Gesendet: 27.07.2010 17:02
Erlaubte mir das Thema in einem etwas aktuelleren und grösseren Kontext unter Dorfplatz zu setzen:

"Von den etablierten Medien zur Twitterisierung"
Thomas
Mitglied
#179 ° Gesendet: 23.08.2010 23:21
Hier zwei Beispiele dafür, wie Tamedia Politik machen will, statt neutral zu informieren. Ich frage mich, wer hier von oben Druck macht.


1. Fall: TA-online (teilweise mit Print-Ausgabe) versucht uns eine Subventionierung der Streetparade schmackhaft zu machen.

In einem ersten Schritt tastet man mit dem Nobody Philip Meier das Terrain ab:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/pop-und-jazz/Ohne-Street-Parade-wae re-Google-nie-nach-Zuerich-gekommen/story/28782513

Im zweiten Schritt muss Buhmann Mauro Tuena dafür herhalten, bei eher linksstehenden Lesern einen Abwehrreflex zu erzeugen und für das Anliegen Sympathien zu gewinnen:
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Die-Profiteure-sollen-bezahl en-nicht-die-Stadt/story/28842056

In einem dritten Schritt folgt nun das Interview mit einer möglichen Verbündeten in der Politik, der Stadtpräsidentin Mauch. Frech & unverblümt wird die Forderung ausgesprochen: Nächstes Jahr ist das 20-Jahr-Jubiläum. Was tun Sie, damit die Street-Parade diesen runden Geburtstag gebührend und gebührenlos feiern kann?
http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Gemach-Warten-wir-doch-erst- einmal-den-Kassensturz-ab-/story/27973950


2. Fall: Die Printausgabe des TA versucht krampfhaft die Bundesratswahlen zu beeinflussen.

Frau Sommaruga wird in zahlreichen Artikeln in besonders günstigem Licht präsentiert, weil sie für den rechten Flügel der SP steht, während die FDP-Kandidaten Schneider-Ammann und Keller-Sutter ein schönes Porträt (immerhin mehr als eine halbe Seite) erhalten. Der Kommentar möge dies illustrieren, da das Porträt von Sommaruga nicht online ist:
http://www.tagesanzeiger.ch/meinungen/dossier/kolumnen--kommentare/Ein -Gluecksfall-fuer-die-SP/story/17859673

Bei Frau Fehr hingegen konstruiert man Vorwürfe, um sie noch vor ihrer eigenen Entscheidung mit einer Schlammschlacht kalt abzuservieren:
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Jacqueline-Fehrs-Umgang-m it-einem-politisch-heiklen-Patronat-/story/22827581


Wie die Leserkommentare zeigen, ging der Schuss in beiden Fällen nach hinten los, und ich hoffe, solche miesen "Taktiken" verfangen nicht bei Politikern. Kurt Imhofs kürzlich mit zahlreichem Anschauungsmaterial belegte These der Verluderung der Zeitungen scheint sich im Falle Tamedia zu bestätigen. Drei Viertel der Leser lassen sich nicht für dumm verkaufen, wie die Umfrage «Teilen Sie die Meinung des Autors?» - falls sie repräsentativ ist - hier deutlich macht:
http://www.tagesanzeiger.ch/meinungen/dossier/kolumnen--kommentare/Wie -gut-sind-unsere-Medien/story/23903696
abc def
Mitglied
#180 ° Gesendet: 24.08.2010 10:50
felixkohl:
Mir kam wieder einmal ein Exemplar TA (glaube vom Dienstag) zu Händen. Da entbrennt eine Pseudopolemik wegen Frauenmehrheit im BR. Blabla...leben die noch in den 80ern?

Ganz so falsch ist der TA da offensichtlich nicht gelegen. Mindestens eine (linke) Bundesrätin lebt in den 80-ern, wobei sie frisurmässig noch nicht einmal dort angelangt ist...
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