Herr Lévy, ist die Steueraffäre zwischen Deutschland und Liechtenstein eine Gefahr für das Schweizer Bankgeheimnis?
Wenn man Bundesrat Hans-Rudolf Merz fragt: Nein.
Warum reagiert dann der oberste Schweizer Bankier so nervös?
Pierre Mirabauds unglücklicher Vergleich des Bundesnachrichtendienstes mit der Geheimpolizei (Gestapo) im Dritten Reich lässt erkennen, dass der Skandal um Hunderte mutmassliche Steuerflüchtlinge aus Deutschland die Schweiz eben doch mehr betrifft als andere Länder. Die Schweizer Banken kennen die Erhebungen, wonach Deutsche, vom einfachen Selbstständigen bis zum reichen Manager, mit eindrücklichen Geldbeträgen am Zoll festgehalten werden. Bestimmungsort der Notenbündel sind Schweizer Bankkonten. Das Ziel: die Gelder am deutschen Fiskus vorbeizuschleusen. Steuerhinterzieher werden in der Schweiz, wie in Liechtenstein, vom Bankgeheimnis geschützt. Kein Wunder, reagiert die Bankiervereinigung nervös.
Wie lange können die Schweiz und Liechtenstein diesen weltweit einzig- artigen Spagat zwischen begehrten Steuerhinterziehern und kriminellen Steuerbetrügern noch machen?
Ein Abkommen mit den USA hebt das Bankgeheimnis bereits stellenweise auf. Natürlich will dies das Bundeshaus so nicht zugeben. Faktisch haben jedoch die Schweizer Banken, wie ihre liechtensteinischen Kollegen, dem Druck aus den USA nachgegeben und melden jeden US-Bürger, der bei ihnen amerikanische Wertschriften hält, den US-Steuerbehörden. Die Finanzinstitute gaben klein bei aus Angst, dass ihre Geschäfte mit und in den USA Schaden nehmen könnten. Und da behaupten Bundesräte noch, das «Bankgeheimnis ist nicht verhandelbar»? Das trifft nicht zu!
Als Nächstes will Kanzlerin Angela Merkel über das Bankgeheimnis verhandeln: Was mit den USA vereinbart ist, soll auch für Deutschland gelten.
Eine verständliche Haltung. Unterschiedliche Handhabungen für ebenbürtige Länder lassen sich nicht rechtfertigen.
Also ist das Bankgeheimnis doch in Gefahr?
Ohne Akzeptanz durch andere Staaten lässt sich das Schweizer Bankgeheimnis in seiner jetzigen Ausprägung nicht aufrechterhalten.
Der Widerstand der Privatbanken wird aber ungleich grösser sein, sich auf einen Deal mit Deutschland einzulassen: Ihre Kunden besitzen viel öfter einen deutschen als einen US-Pass.
Eine sture Haltung nährt den Verdacht, dass die Schweizer Banken gut und gern von Steuerflüchtlingen profitieren. Nichts weniger als der Ruf des Finanzplatzes steht auf dem Spiel. Nach den Milliardenabschreibungen bei UBS und Credit Suisse steht es um das Vertrauen in den Bankenplatz nicht zum Besten. Deutschland scheint jetzt entschlossen, jegliche Art von Steuerumgehung unter Kontrolle zu bringen. Die Temperatur steigt. Wäre es da nicht besser, von sich aus auch bei einem begründeten Verdacht auf Steuerhinterziehung auf Anfrage hin einen Informationsaustausch anzubieten?
Das ist noch unrealistisch. Ohne Druck aus Brüssel läuft nichts.
Früher galten die Deutschen als unsere Fürsprecher in Brüssel. Wollen wir wirklich diese Freundschaft zu unserem besten Partner in der EU gefährden? Auch wenn es beim Steuerstreit zwischen der EU und der Schweiz um die Besteuerung von Holdings und nicht wie beim deutschen Steuerskandal um Privatpersonen geht: Die Steueraffäre könnte nicht nur auf die Schweiz überschwappen. Sie hat auch das Potenzial, den Steuerstreit mit der EU emotional aufzuladen. Ich bin überzeugt: Am Ende werden die Schweizer die Verlierer sein.
Müssen sich die Deutschen nicht auch vorwerfen lassen, mit ihrer hohen Steuerbelastung und ihrer dürftigen Ausgabedisziplin regelrecht die Reichen in Versuchung zu führen?
Jein – natürlich ist die Steuerbelastung in Deutschland im Vergleich zu jener in anderen Ländern enorm. Doch das Steuersystem ist demokratisch legitimiert, und Gesetze dürfen nicht einfach umgangen werden, auch wenn niemand gerne Steuern zahlt.
«Ruf des Finanzplatzes steht auf dem Spiel»
Der Schweizer Alt-Botschafter Philippe Lévy hat im Steuerskandal Verständnis für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nach seiner Ansicht unterschätzt der Bundesrat das Risiko der Liechtenstein-Affäre.
Mit Philippe Lévy sprach Judith Wittwer
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/wirtschaft/844670.html