Handicap-Power Mitglied
#35 ° Gesendet: 06.01.2008 11:21 |
cristiano: Echte Krimis, nur, wenn man einmal vom Kongo, danach vom Kamerun spricht, fällt es auch dem dämmlichsten Befrager auf, dass da nicht alles der Wahrheit entsprechend ist! Gerade Afrikaner halten uns für wirklich blöd (sie sagen es dir meist auch gleich).
Warst du schon mal in Afrika? Ich meine so richtig unter den Menschen und nicht wie ein Tourist durch die Werbestrassen europäischer Unternehmen geschleust?
Ich war monatelang in Marokko, Algerien, Kenya, bei dem Massaii. Was wir Wahrheit nennen, ist in diesen Ländern eine äusserst fremde Sache. Die Menschen dort leben von Geschichten. Sie kommunizieren miteinander nicht in der Art, wie wir es tun. Wir vermitteln einander pure Fakten; Sie vermitteln ihre Informationen in Geschichten verpackt. Das ist ihre (aus unserer Sicht naive und unterentwickelte) Form der Kommunikation. Diese Menschen lügen nicht, aber sie verpacken alles in Geschichten, die wir nicht verstehen und mit unseren Verständnis als Lüge einordnen.
Ich wohnte eine zeitlang bei einer Grossfamilie in Gardaia (Oasenstadt in der Sahara). Die ersten Tage hatte ich grosse Mühe, das, was die Menschen zu mir sagten, zu verstehen. Ich habe einfach nichts begriffen, weil sie jede Information, die sie mir geben wollten, in ellenlange Geschichten und Märchen verpackten. Sie wollten mir von Anfang an vermitteln, dass sie alle Wasser sparen mussten und dass auch ich mit dem Wasser sorgsam umgehen sollte. Aber weil sie mich als Gast nicht einschränken und schon gar nicht massregeln wollten, sagten sie mir nicht direkt, dass ich nur wenig Wasser brauchen soll. Sie erzählten mir tagelange erfundene Geschichten und Märchen darüber, was alles passieren kann, wenn man Wasser verschwendet. Bis ich selber automatisch nur sehr sparsam Wasser brauchte. Sie haben mir nie gesagt, ich soll unter den Wasserhahn (ein einziger im Freien für mehrere Häuser) ein Becken stellen, wenn ich mir die Hände waschte, damit man mit dem im Becken aufgefangenen Wasser noch Pflanzen giessen konnte. Ich habe es einfach irgend wann mal automatisch gemacht. Und sie haben mich dabei ertappt und haben mich schmunzelnd angelacht. Und die Kinder sind nicht zum Vater gelaufen, um ihm zu sagen "Er stellt jetzt ein Becken unter den Wasserhahn" (oder mit anderen Worten "er hat es kapiert, er unterordnet sich unseren Regeln"), nein sie haben dem Vater gesagt: "Er hat Wasser für unsere Pflanzen bereitgestellt" (oder mit anderen Worten "er hat etwas Gutes getan").
Was machen denn unsere "Aufklärer" in den afrikanischen Ländern anderes, als dass sie jede Information in Symbole und Geschichten verpacken? Zum Beispiel in der AIDS-Prävention, sie informieren durch Bilder und Theateraufführungen. Weil sie mit dem Vermitteln trockener Information nie weit gekommen sind.
Diese Menschen erzählen auch bei uns nicht Geschichten (aus unserer Sicht Lügengeschichten), weil sie uns belügen wollen, sondern weil das in ihren Kulturen so üblich und tief verankert ist.
Wenn hier ein Afrikaner sagen will, dass er jemanden gern hat, dann sagt er nicht "ich hab dich gern". Nein, er fährt ein und macht daraus ein Fest, bringt Musik und allerlei köstliche Lebensmittel mit und kocht vier Stunden lang ein Essen, erzählt über jedes Gemüse und Gewürz eine Liebesgeschichte und bringen dich in den 1001sten Himmel voller Musik, Düfte und Märchen. Bis man es nicht mehr weiss, sondern warm durchdringend spürt, der hat mich gern. Und wer dann immer noch nicht kapiert hat, was gesagt werden soll, dem sagen sie es dann so: "Ich bin ein Dummkopf, ich habe dich nicht verdient" und gehen glücklich nach Hause.
Wir könnten viel davon lernen. |