Pressetext, 2.09.08, 14.00h
Ein kleines Beispiel einseitiger AbhängigkeitGazprom dreht EU für zwei Tage den Gashahn zu
Experte sieht trotz Abhängigkeit noch keinen Versorgungsengpass
Gazprom weist Lieferstopp wegen Georgienkonflikt zurück (Foto: pixelio.de, Herbert Dazo)
Moskau/Hamburg (pte/02.09.2008/11:55) - Der russische Erdgasförderer Gazprom
http://www.gazprom.com stellt seine Lieferungen in den Westen für zwei Tage ein. Als Grund für die zeitlich befristete Unterbrechung verweist der Konzern auf planmäßige Wartungsarbeiten an der strategisch wichtigen Yamal-Europa-Pipeline, die unter anderem Ostdeutschland mit Ergas versorgt. Wie die Welt unter Berufung auf Unternehmenskreise berichtet, habe das Einfrieren der Erdgaslieferungen aber nichts mit dem Kaukasuskonflikt zu tun. Erst gestern, Montag, hatte sich die Europäische Union darauf geeinigt, in Georgien Aufbauhilfe zu leisten. Auch wurde Russland dazu aufgefordert, seine Truppen aus den abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien abzuziehen. Die abgekühlte Stimmung zwischen Russland und Deutschland soll dennoch nicht ausschlaggebend für den Lieferstopp sein - und dies, obwohl das Partnerschaftsabkommen nun auf Eis liegt.
"Die russischen Gas- und Öllieferungen sind nicht nur für die Bundesrepublik, sondern auch für den gesamten europäischen Raum eminent wichtig. Insofern hat der Konflikt um Georgien einmal mehr vor Augen geführt, wie abhängig Deutschland von den Russen ist", unterstreicht HSH-Nordbank-Analyst Andy Sommer im Gespräch mit pressetext. Laut dem Fachmann sei die bekannt gegebene Wartung der Pipeline aber kein Grund zur Beunruhigung. "Kurzfristige Schwankungen sind normal. Bleibt es bei nur zwei Tagen, sehe ich kein Versorgungsproblem, schließlich haben die Energieversorger für derartige Fälle bereits im Vorhinein Vorkehrungen getroffen und Rücklagen gebildet", so Sommer. Dennoch würde dem Experten zufolge eine längerfristige Lieferverknappung "weh tun", da man Alternativen über die Ostsee in Betracht ziehen müsste. "Der Aufwand wäre nicht nur kompliziert, sondern auch teuer", sagt Sommer.
Laut Gazprom besteht kein Zusammenhang der Entscheidungen des EU-Gipfels mit den unterbrochenen Gaslieferungen. Auch sollten die Wartungsarbeiten nicht als vermeintliche Gegenreaktion seitens Russlands aufgefasst werden. Schließlich werde die Versorgung über alternative Routen wie beispielsweise über die Ukraine sichergestellt, heißt es. Wie Gazprom weiter berichtet, seien die Arbeiten lange geplant gewesen und mit den Pipeline-Betreibern Wingas und Europol Gaz abgesprochen gewesen. "Wir geben die Arbeiten jetzt bekannt, damit keiner überrascht und die politische Lage noch mehr aufgeheizt wird", sagte ein Sprecher des ehemaligen russischen Staatskonzerns gestern Abend.
Über die rund 4.000 Kilometer lange Yamal-Pipeline wird Erdgas aus Sibirien nach Europa geleitet. Sie versorgt vor allem die ostdeutsche Großindustrie mit dem wichtigen Rohstoff. Die erst drei Jahre alte Leitung besitzt eine Kapazität von rund 100 Mio. Kubikmeter pro Tag und garantiert damit etwa ein Fünftel der westeuropäischen Importe aus Russland. Obwohl der Lieferstopp laut Gazprom nicht länger als 30 Stunden andauern soll, sei jedoch damit zu rechnen, dass noch 24 Stunden nach den Wartungsarbeiten nur 50 Prozent der Kapazitäten geliefert werden können. Ab Donnerstag soll aber wieder die volle Auslastung sichergestellt sein. Obwohl Gazprom beschwichtigt, kommt die Ankündigung der Wartungsarbeiten nur wenige Stunden, nachdem bekannt wurde, dass die EU Russland eine scharfe Rüge wegen der einseitigen Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens und Abchasiens aussprechen will. (Ende)